Stefan Kühner

 

2005-04-27

Der amerikanische Krieg - Teil 2

Am Abend des Neujahrsfestes 1968 verlas Ho Chi Minh die Neujahrsansprache über Radio Hanoi und schloss seine Rede mit einem Gedicht: Dieser Frühling überstrahlt die vergangenen Frühjahre. / Die Neuigkeiten über den Sieg lassen das ganze Land jubeln / und ermuntern den Süden und den Norden, / gegen den US-Aggressor zu kämpfen. / Vorwärts, der Sieg gehört uns.

Die Tet Offensive

Unmittelbar nach dem die letzten Worte dieses Verses verklungen waren, erging ein spezieller Befehl des Oberkommandos der Befreiungsarmee zum Generalangriff gegen die US-Truppen und die Saigoner Armee. Um 0:30 begannen die ersten Angriffe gegen die Städte Tan Vanh und Kon Tum, gefolgt von Angriffen gegen die US-Armee in Tay Nguyen im zentralen Hochland. Weitere Hauptziele des Angriffs waren US-Einrichtungen in den Provinzhauptstädten Buon Ma Thuot, Plei Ku und Dac Lac. Entlang der Nationalstraße 1 und ihren Nebenstraßen an der Küste von Mittelvietnam griffen die Befreiungskräfte die Städte Nha Tang, Quy Nhon, Tuy Hoa und Hoi An an. Die Hauptquartiere der südvietnamesischen Armee in Da Nang und die Offizierskasinos in Nha Tran wurden unter Feuer genommen.

Überraschungsangriffe fanden insbesondere auch in Saigon statt. Dort richteten Hunderte von Kommandos der Befreiungsfront ihre Aktionen gegen die Einrichtungen der USA und der Saigoner Regierung. Auf dem Saigoner Flughafen Tan Son Nhat zerstörten Kämpfer der FNL 20 Flugzeuge.

Die Tet-Offensive löste in den USA einen Schock aus. Obwohl der Schlag zum Tet-Fest die US-Armee nicht ernsthaft gefährdet hatte, demoralisierte er die US-Truppen enorm. Außerdem wuchs der Protest in den USA mächtig an und die US-Regierung musste Verhandlungen mit der DRV und FNL aufnehmen. Verhandlungsort war die französische Hauptstadt Paris. Aber der Krieg war damit noch lange nicht zu Ende. Die Bodenkämpfe in Südvietnam und die zeitweiligen Bombardierungen des Nordens gingen über Jahre unvermindert weiter.

Bombenterror zu Weihnachten

Eine der aggressivsten Bombardierungsphasen erfolgte an Weihnachten 1972. Zwischen dem 18. und 31. Dezember 1972 flogen Maschinen der US-Luftwaffe Einsätze gegen Hanoi und die benachbarte Hafenstadt Hai Phong. Die Bombardements gingen Tag und Nacht, rund um die Uhr - 24 Stunden. Am Weihnachtstag wurde pietätvoll eine kleine Pause eingelegt. Am folgenden Tag nahmen die B52-Bomberflotten das Bombardement aber verstärkt wieder auf. Die Buchhalter des Schreckens im Pentagon registrierten: ca. 1000 Einsätze mit 193 Flugzeugen, rund 100 000 abgeworfene Bomben, 21 000 Tonnen Sprengstoff. Hanoi steht seitdem in der traurigen Liste der zerbombten Städte zwischen Coventry, Rotterdam und Dresden.

Die Weihnachtsbombardements waren allerdings trotz des enormen Militäreinsatzes der USA der letzte Wendepunkt für die Niederlage. Die DRV ließ sich nicht in die Knie zwingen und die Bombardierungen zum Weihnachtsfest hatten weltweit ein Sturm der Entrüstung - selbst bei mit den USA befreundeten Regierungen ausgelöst. Am 27. Januar 1973 unterzeichneten die Delegationen der Demokratischen Republik Vietnam (Nordvietnam), der Provisorischen Revolutionären Regierung Südvietnams (Administration der Befreiungsfront), der Vereinigten Staaten von Amerika sowie der Republik Vietnam (Südvietnams Regierung unter Nguyen Van Thieu) in Paris das "9-Punkte-Abkommen zur Beendigung des Kriegs in Vietnam und zum Abzug der US-Truppen aus Südvietnam". Die Verhandlungsführer waren Henry Kissinger für die USA, Mme. Ngyuen Thi Binh für die PRR und Le Duc Tho für die DRV. Das Abkommen sah vor, dass die USA Südvietnam innerhalb von zwei Monaten verlassen und dass zwischen den drei politischen Blöcken (PRR, Thieu-Administration und der sogenannte "Dritte Kraft") Verhandlungen über die Bildung einer Regierung der nationalen Versöhnung geführt werden sollten. Außerdem sollte dem Land Wiederaufbauhilfe durch die USA gewährt werden.

Die "Vietnamisierung" des Krieges

Vietnam hatte einen unvergleichlichen diplomatischen Sieg errungen. 60 Tage nach Unterzeichnung des Abkommens, am 30. März 1973, verließen die letzten US-Truppen tatsächlich Vietnam. Für die Menschen in der DRV und den befreiten Gebieten im Süden waren die Kampfhandlungen und der Krieg endlich vorbei. Bis allerdings alle Menschen sich über den Frieden freuen durften, dauerte es nochmals über zwei Jahre.

Nach Auffassung der USA sollte der Konflikt "vietnamisiert" werden. Die gesamten Waffen der USA wurden der südvietnamesischen Armee übergeben, US-Militärberater und CIA-Agenten blieben im Land. Statt sich an das Abkommen zu halten, betrieb Thieu offene Propaganda gegen das Abkommen. Er verbreitete pausenlos seine Neins: Nein zum Kommunismus, nein zur Neutralität, nein zu Verhandlungen. In beschränkten Aktionen griff die Thieu-Regierung Südvietnams immer wieder Regionen in den befreiten Gebiete an. Lange Zeit nehmen die Befreiungskräfte gegen diese Taktik eine defensive und abwartende Position ein. Im Frühjahr 1975 neigte sich aber auch die letzte Phase des Krieges ihrem Ende zu. Nach erneuten Angriffen Südvietnams auf Truppen der DRV und der Befreiungskräfte im Grenzgebiet um den 17. Breitengrad sowie Militäraktionen gegen die befreiten Gebiete in Mittelvietnam begannen die FNL und die Truppen der DRV ihre letzte Offensive zur Befreiung des ganzen Landes. Anfang März 1975 wurde ausgehen von der Provinz Tay Nguyen im zentralen Bergland die Provinzhauptstadt Buon Ma Thuot befreit und im März/April stießen die Befreiungskräfte an die Küste vor und eroberten die Großstädte Da Nang und Hué. Dann war es nur noch eine Frage von Tagen bis Ende April mit dem Fall des Flughafens von Saigon Tan Son Nhut die kopflose Flucht der letzten US-Militärangehörigen und ihrer südvietnamesischen Handlanger begann. Am 30. April durchbrach ein Panzer der Befreiungskräfte das Tor zum Präsidentenpalast in Saigon während vom Dach der US-Botschaft die letzten Hubschrauber starteten, um sich auf die Flugzeugträger im südchinesischen Meer in Sicherheit zu bringen.

Am 1. Mai 1975 hatte die Nachricht "Saigon ist frei" die ganze Welt erreicht. Kaum eine Mai-Kundgebung egal an welchem Ort der Erde, auf der nicht die Fahne der Befreiungsfront neben den roten Fahnen der Gewerkschaften, der Arbeiterparteien und Friedensorganisationen zu sehen war.

Warum die USA diesen Krieg verloren

In den USA und den Zentren ihrer Verbündeten begann das Wundenlecken und die Formulierung der Revanche, die zu einem fast 15-jährigen Boykott des Landes führte, und zur Verweigerung jeglicher Wiederaufbauhilfe aus den USA und der Europäischen Union. Ein "Trauma" habe die Befreiung Saigons in den USA ausgelöst, heißt es in der herrschenden US-Geschichtsschreibung. In der Tat, die USA mussten erkennen, dass nicht alle Menschen der Welt bereit sind, sich ihnen unterzuordnen und ihren militärischen Hegemoniebestrebungen sowie ihrer industriellen Vorherrschaft zu beugen. Vier Gründe müssen aufgezählt werden, um den Sieg Vietnams gegen die USA sowie ihrer Marionettenregierung in Saigon zu verstehen.

Der Kampf der Menschen Vietnams

Der ungebrochene Wille des vietnamesischen Volkes auf Unabhängigkeit (Doc Lap) war der wesentliche Faktor, dass die bis über alle Zähne gerüstete US-Armee und ihre Helfershelfer in der südvietnamesischen Regierungen weichen mussten. Der Kampfesmut und die Schlauheit der FNL-Kämpfer und der Bauern, das Erdulden der Bombardements, Massaker und Kriegsentbehrungen sind beispiellos in der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Ähnlich wie schon im Kampf gegen die Franzosen organisierten die Menschen in Vietnam mit den einfachsten Hilfsmitteln den Nachschub für ihre Truppen, versorgten die Befreiungskämpfer mit Nahrung und medizinischer Hilfe. Auf Fahrrädern transportierten sie Waffen durch den Urwald an die Front. Der sogenannte Ho-Chi-Minh-Pfad wurde zum Symbol für diesen Willen den Sieg zu erringen ebenso wie die in den Lehmboden getriebenen Tunnelsystem von Chu Chi, nordwestlich von Saigon. Über Jahre hinweg verbargen sich Zivilisten und Militärs vor den Bombenagriffen in der "Fire free zone". Es gab Wohn- und Schlafwinkel, Krankenstationen, Konferenzsäle und Schulklassezimmer. Vietnam hat seinen Sieg in erster Linie aus eigener Kraft errungen.

Die Unterstützung durch die sozialistischen Staaten

Oftmals wurde und wird der Vietnamkrieg als "Stellvertreterkrieg zwischen der UdSSR und den USA" bezeichnet. Dies ist in schon insofern falsch, als dass das vietnamesische Volk und auch die FNL niemals von Seiten der UDSSR instrumentalisiert wurde. Die sozialistische Staatengemeinschaft hat Vietnam allerdings in ihrem Kampf unterstützt. Nicht nur und auch nicht in erster Linie mit Waffen, die aus der SU und in der frühen Phase auch aus China kamen. Mindestens ebenso wichtig war die Unterstützung der Bevölkerung in medizinischer Hinsicht, durch die Lieferung von Reis und anderen Lebensmitteln und beim Bau und Unterhalt der Infrastruktur.

Die Internationale Solidarität

Die amerikanische Aggression spaltete in den 60er und 70er Jahre die Gesellschaften in den USA und in Westeuropa. Ab 1967 gingen Studentinnen und Studenten, aber auch junge Arbeiter mit Transparenten "Ami go home" auf die Straßen. Die Protestbewegung gegen den Vietnam-Krieg prägte einen wesentlichen Teil einer ganzen Generation junger Menschen. Vor allem während der Weihnachtsbombardements 1972/73 schwoll in Europa und den USA die Protestbewegung gegen den Vietnam-Krieg nochmals zu einem Sturm gegen den Vietnamkrieg an. Vor vielen Kirchen in Deutschland, Holland, Italiens, Australiens und der USA wurden 1972 Flugblätter an die Besucher der Christmetten und Weihnachtsgottesdienste verteilt und mancher Pfarrer predigte gegen den Krieg. In Rotterdam und anderen Häfen weigerten sich Seeleute, US-Schiffe zu be- oder entladen. Und am 20. 1. 1973 fanden sich unter dem Motto "Frieden und Unabhängigkeit für Vietnam - JETZT" junge und alte Menschen der unterschiedlichsten Weltanschauung zur größten Demonstration gegen den Vietnamkrieg in der BRD zusammen.

Rassismus und Widerstand in der US-Armee

Ein vierter, bislang eher weniger beachteter Faktor war die innere Zersetzung in der US-Armee, die in Vietnam Krieg führte sowie den Kasernen der USA weltweit. Hauptgrund für den Widerstand in der Armee waren die schikanösen Behandlung der aus der Arbeiterklasse stammenden GIs durch die aus höheren Schichten kommenden Offiziere mit Karriereabsichten nach dem Krieg. Für die einfachen GIs war es ein Krieg, den die Arbeiterklasse führen musste. Ab 1968 töten GIs immer wieder in Einzel- und Kleingruppenaktionen Offiziere, die als besondere Schinder auftraten. Ab 1971 verweigerten immer mehr GIs den Kampfeinsatz oder versuchten, ihm aus dem Weg zu gehen. In vielen Kasernen der USA und auch der Militärstützpunkte der US-Armee in Europa (z. B. Heidelberg, Karlsruhe) existierten Diskussionskomitees, kritische Flugblätter und selbstverlegte Zeitungen sowie Kulturgruppen, die den Rückzug der USA aus Vietnam forderten. (Jonathan Nale, Der amerikanische Krieg, Neuer ISP Verlag, Köln, 2004)

Seit 1976 ist das Land wiedervereinigt. In den letzten Jahren entwickelt Vietnam stürmisch seine Infrastruktur und versucht Anschluss zu finden in die globale Weltwirtschaft.

Website der Freundschaftsgesellschaft Vietnam

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