2005-12-06
Eine endlose Liebesmüh
Jedes Jahr am 25. November begehen weltweit Frauenorganisationen den Tag gegen Gewalt gegen Frauen. Es finden in den 16 Tagen zwischen dem Tag gegen Gewalt gegen Frauen und dem internationalen Tag der Menschenrechte eine Fülle von Veranstaltungen statt, mit dem Ziel mehr Öffentlichkeit zu erlangen und Druck auf PolitikerInnen auszuüben, um endlich auch Maßnahmen folgen zu lassen.
Ein mühsames Unterfangen
Es scheint ein mühsames Unterfangen zu sein, finden sich doch in den mainstream Medien höchstens Vermerke auf den Tag oder wenn es hoch kommt Auszüge aus Presseaussendungen von VertreterInnen der Parlamentsparteien. Dieses Jahr wurde einmal mehr versucht mittels eines neuen Konzeptes mehr Präsenz in den Medien zu erlangen. So fand am 24. November eine Pressekonferenz der anderen Art in der Kunsthalle am Stephansplatz in Wien statt, bei der nicht nur Marlene Streeruwitz einen eigens geschriebenen Text verlas, sondern auch Aktionskünstlerinnen und Medienanalysen, die strukturelle Gewalt thematisierten, eingebunden wurden. Organisiert wurde die Pressekonferenz und die Herausgabe eines Veranstaltungskalenders durch ein Bündnis bestehend aus Frauenorganisationen wie die Frauensolidarität, Vertreterinnen der AUF-Eine Frauenzeitschrift aber auch der Frauen von Amnesty International und anderer Organisationen mit der Unterstützung von ÖH, Gewerkschaften und politischen Parteien. Dennoch war das Interesse abseits der �Insider� Medien ausgesprochen dürftig und der mediale Output gering.
Alles umsonst?
Es stellt sich die Frage, wen die Veranstaltungen in den 16 Tagen ansprechen? Auch wenn diese sehr vielfältig in den Formaten, vom Film über theoretische Diskussion bis zu sehr spezifischen Formaten wie z.B. ein workshop für Hebammen, sind, gehören die Besucherinnen wohl doch meistens dem Spektrum der bewegten Frauen - egal ob autonome Frauenbewegung oder aus Frauenorganisationen - an. Frau trifft alte Bekannte und Freundinnen. Es scheint fast so, als seien die Bemühungen auch dieses Jahr wieder umsonst und das Thema Gewalt nur eine der Schlagzeilen im Chronikteil der Zeitungen. Da kann frau dafür lesen, dass ein jursistisches Gutachten Gewalt �in Maßen� bei Perchtenläufen als innerhalb des Gesetzesrahmen bewertet (�Heute� 5.12.2005), oder Artikel und Kurzmeldungen über tragische aber blutige �Familientragödien� bei denen entweder der Mann sich und die zweijährige Tochter erschießt (ORF Teletext 5.12. 2005) oder eine 48 jährige Frau ihren 37 jährigen Mann umbringt. Keine Analysen oder Zahlen und Fakten darüber, dass Frauen ihre Ehemänner oder Lebenspartner meist nur als letzen Ausweg aus einer Spirale der Gewalt heraus töten. Außerhalb der einschlägigen feministischen- oder anderer kritischer Zeitungen finden sich auch keine Analysen zum Thema strukturelle Gewalt, Gewalt in der Gesellschaft reporduziert durch das Patriarchat und ein neoliberales Sytem, dem Zwang und Gewalt inherent sind. Gewalt gegen Migrantinnen, Gewalt gegen Frauen die eine Abtreibung vornehmen wollen, egal ob tatsächlich physisch oder durch Gesetze und Strukturen sind kein Thema, das sich verkaufen lässt.
Mehr Radikalität von Nöten
Keine Frage, der mehrheitlich männliche Berufsstand der Journalisten hat nur wenig Interesse an einem Thema zu rühren, bei dem es um mehr als nur Opfer und Täter geht, sondern um vielmehr eine grundlegende gesellschaftliche Kritik. Aber auch die Frauenbewegung muss in diesem Sinne eine stärkere Radikalität erfahren, denn es scheint, dass die bisherigen Bemühungen nicht das Ziel errericht haben. Eine Radikalität nicht nur in Aktionen, sondern auch in ihren Analysen. Eines der Themen wäre eine fundamentale Kritik am Konzept der Familie, das in seiner herkömmlichen Form Herrschaft, Unterdrückung und Gewalt in heterosexuellen wie gleichgeschlechtlichen Beziehungen ermöglicht und reproduziert.
Frauen machen ihre Geschichte nicht freiwillig, aber sie machen sie selbst. In diesem Sinne bietet das kommende Jahr, das international dem Thema Gewalt an Frauen gewidmet ist, vielleicht neue Ansatzpunkte für Aktionen. Die Tatsache, dass die EU-Präsidentschaft in Österreich im ersten Halbjahr liegt und im zweiten Halbjahr die Nationalratswahl ansteht, kann eigentlich nur ein weiterer Ansporn sein, sich nochmehr und radikaler zu äußern. Aber wir haben erst Halbzeit und noch ist vieles geplant. Lassen wir uns überraschen.