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Bärbel Mende Danneberg

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2005-12-01

Gewalt ist kein Schicksal

Vor ein paar Tagen hat meine Nichte ihr erstes Baby geboren � ein Bub, 2.400 Gramm Leichtgewicht, so klein und zart. Alle waren einmal so klein und zart und offen für Neues. Was passiert im Laufe eines Lebens, dass aus so unschuldigen Winzlingen Gewalttäter werden?

Über Erziehungsprozesse, unterschiedliche Rollenerwartungen � ein Bub weint nicht - und eingeschränkte Aktionsfelder � Mädchen klettern nicht auf Bäume � ist schon viel gesagt worden. Und es wurden viele Ratgeber verfasst, wie diese Rollenklischees in Familie, Kindergarten oder Schule aufzubrechen wären. Dass Gewalt keine Probleme löst, ist seit der "gesunden Watschen" von Czermak Allgemeingut. Die Öffentlichkeit wurde, nicht zuletzt durch Aktionen wie die derzeit veranstalteten "16 Tage gegen Gewalt an Frauen", sensibilisiert, Frauenhäuser und Selbsthilfegruppen geben den Opfern � in der allergrößten Mehrheit Frauen � Schutz; durch Wegweisungen, Interventionsstellen oder psychologische Betreuung der Täter wird versucht, das Gewaltproblem in den Griff zu kriegen.

Und trotzdem: steigendes Problembewusstsein, steigende Gewalt? Dass die Polizei immer öfter bei häuslicher Gewalt einschreiten muss, kann auch heißen, dass das Gewaltschutzgesetz öfter von den Betroffenen und der Polizei genützt wird. Dennoch sind Gewalttaten dadurch nicht vermeidbar. Der Mord an der dreifachen Mutter in Linz hat vergangene Woche die gesetzlichen Lücken beim Opferschutz gezeigt, die im kommenden Jahr geschlossen werden sollen: Künftig müssen Gerichte und Polizei das Opfer davon unterrichten, wenn ein Gewalttäter aus der U-Haft, der Verwahrungs- oder Strafhaft entlassen wird. In Begutachtung ist auch eine andere Gesetzesänderung: Den Behörden soll erlaubt werden, bei gefährlichen Drohungen den Täter ohne Ermächtigung des Opfers zu belangen. Denn viele Frauen ziehen ihre Anzeige aus Angst wieder zurück.

Bei der Mehrzahl der Tötungsdelikte oder Mordversuche handelt es sich um Beziehungskonflikte. Die gewaltsame Lösung von Problemen ist ein männliches Muster, das oftmals sozial erworben wurde. Mann wird nicht als Täter geboren. Mann wird dazu gemacht. Viele gewalttätige Ehemänner wurden in ihrer Kindheit selbst misshandelt oder haben erlebt, wie ihre Mütter von ihren Vätern geschlagen wurden. Häufig gesellen sich Probleme am Arbeitsplatz, Geldsorgen, Existenzängste und das negative Selbstbild hinzu, für die Familie nicht mehr "den Mann stehen zu können". Überhöhte Glücks- und Heilsvorstellungen von der Familie und das Delegieren von gesellschaftlichen Aufgaben an den Familienverband führen zu Überforderungen, die durch Gewaltanwendung kompensiert werden. Das vorherrschende, durch Werbung und Medien verstärkte Selbstbild, als Mann nicht versagen zu dürfen, stürzt sie in emotionale Krisen. Und viele Männer betrachten ihre Frauen als Besitz, rasten ihnen gegenüber aus, wenn sie sich unterlegen fühlen. So manche Frau hat den Entschluss, ihren Mann zu verlassen, mit dem Tod bezahlen müssen.

Der Umkehrschluss, dass steigende Emanzipationsbestrebungen von Frauen Schuld daran seien, dass Männer gewalttätig werden, ist aber eine billige Ausrede aus dem Bilderbuch des Patriarchats. Gewalttaten orientieren sich an den gesellschaftlich akzeptierten Codes von Macht und Herrschaft. Die Frage müsste vielmehr lauten: Welche Machtverhältnisse sollen gefestigt werden, wenn den Frauen ökonomische, sexuelle und soziale Selbstbestimmung vorenthalten wird?

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