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HINTERGRUND | ||
2005-04-25 Der amerikanische Krieg - Teil 1 Vor 30 Jahren siegte das Volk von Vietnam Was bei uns als Vietnamkrieg bezeichnet wird, heißt in Vietnam "Der Amerikanische Krieg". Er begann 1964 mit einer Lüge und ersten Bombenangriffen auf Küstenstädte in Nordvietnam. Zirka 3 Millionen Tote Vietnamesen, 600 000 Verkrüppelte und 800 000 Waisen gehörten zur Bilanz dieses Krieges ebenso wie 57 000 gefallene US-Soldaten. Dazu kamen unvorstellbare materielle Schäden: Alle Brücken und Bahnhöfe waren zerstört oder schwer beschädigt, Schulen und Industriebetriebe durch Bomben verwüstet. Millionen Bombentrichter übersäten die Reis- und Gemüsefelder. Vor nunmehr 30 Jahren am 30. April 1975 war der Krieg endlich zu Ende und Tausende Menschen skandierten auf den Maidemonstrationen "Alle auf die Straße - rot ist der Mai - alles auf die Straße Saigon ist frei".
Es begann mit einer Lüge (Der Tonking-Zwischenfall)Im Sommer 1964 führten die USA zusammen mit der Marine der südvietnamesischen Armee provokative Aktionen gegen die Demokratische Republik Vietnam (DRV) - im westlichen Sprachgebrauch auch Nordvietnam genannt - durch. Die erste Operationsform (DESOTO-Patrouillen) wurde durch die US Marine selbst ausgeführt. Speziell ausgerüstete Marineschiffe kreuzten unmittelbar vor der Küste Nordvietnams, um den Funkverkehr abzuhören. Sie bewegten sich dabei bis zu drei Seemeilen vor der Küste Vietnams, obwohl international eine Sperrzone von acht Meilen galt. Bei der zweiten Operationsform handelte es sich dabei um von der CIA geplanten und der südvietnamesischer Marine ausgeführte "Hit-and-run"-Angriffe. "Schnellbote mit südvietnamesischer Besatzung griffen dabei die nordvietnamesische Küste und die vorgelagerten Inseln an" (Robert S. McNamara, Vietnam - Trauma einer Weltmacht, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1996, Seite 174).
Die "Maddox"Am 2. August 1964 tauchte der US-Zerstörer "Maddox" auf DESOTO-Fahrt zum wiederholten Mal vor den Inseln Hon Me und Hon Ngu auf. Um 15.40 (vietnamesischer Ortszeit) meldete er, dass sich Schnellbote näherten und Schüsse mit Torpedos und Bordfeuerwaffen abgegeben hätten. Es gab aber weder Verletzte noch Beschädigungen. Zwei Tage später erfolgte in den frühen Morgenstunden (Ortszeit) des 4. 8. 1964 ein weiterer Überfall auf die Küste Vietnams. (ebenda, S. 178). "Um 19.40 Saigoner Ortszeit meldete dann die �Maddox� über Funk, es scheine ein Angriff bevorzustehen" und "... sie habe Radarkontakt mit drei nicht identifizierten Schiffen. Von der �Ticonderoga�, einem in der Nähe kreuzenden US-amerikanischen Flugzeugträger, stiegen Kampfmaschinen zur Unterstützung der �Maddox� und �Turner Joy� auf. In dieser mondlosen Nacht sorgten tiefhängende Wolken und Gewitter für extrem schwierige Sichtbedingungen. Die beiden Zerstörer berichteten über mehr als zwanzig Torpedoangriffe, durch Torpedoabschüsse hervorgerufene Turbulenzen im Wasser, feindliche Cockpitlichter, Suchscheinwerfer, Maschinengewehrfeuer und Echolotkontakte." (ebenda, S. 178). Auf Nachfrage Robert McNamaras, des US-Verteidigungsministers, meldete der Kommandeur der Patrouille, Captain John J. Herrick, zirka 5 Stunden nach dem Ereignis: "Überprüfungen des Vorfalls lässt viele der gemeldeten Feindberührungen zweifelhaft erscheinen. ... Die meisten der Meldungen beruhen vermutlich auf wetterbedingten verzerrten Radarbeobachtungen und Übereifer bei der Echolotauswertung." (zitiert nach ebd., S. 180) Obwohl die tatsächliche militärische Lage im Golf von Tonkin also äußerst unklar war wies Präsident Johnson am 5. 8. 64 die "Ticonderoga" an "Vergeltungsschläge" gegen die DRV zu führen. Kampfbomber des Kriegsschiffs flogen 64 Einsätze gegen Marinestützpunkte in Nordvietnam und Ölversorgungseinrichtungen.
Warum die USA diesen Krieg führtenWarum die USA so aggressiv gegen die DRV auftraten, lag in der politischen Orientierung der DRV. Die Regierung unter Ho Chi Minh war siegreich aus dem Antikolonialkrieg gegen Frankreich hervorgegangen. Die auf nationale Unabhängigkeit und Sozialismus ausgerichtete Politik der Viet Minh wurde in der politischen Phase des kalten Krieges von den USA massiv bekämpft. Robert McNamara, der zwischen 1961 und 1968 US-Verteidigungsminister war und den Krieg gegen Vietnam bis zur Spitze eskalierte, schreibt in seinem Buch "Vietnam - das Trauma einer Weltmacht" "... Als John F. Kennedy 1961 Präsident wurde, standen wir ... einer Krise in Südostasien gegenüber, hatten aber nur geringe Kenntnisse, wenig Erfahrungen und gingen von vereinfachenden Annahmen aus" (ebd., S. 51). Die "vereinfachenden Annahmen" waren der blinde Antikommunismus und die abstruse Domino-Theorie von Ex Präsident Truman, nach der alle Staaten in Süd- und Südostasien in den Kommunismus fallen würden, wenn erst ein erster Dominostein - Vietnam - gekippt wäre. Nur Ignoranz und politische Verblendung allein waren es aber nicht. Der Antikommunismus ging einher mit den Interessen von Militär und Großindustrie in den USA. Es waren geostrategische Überlegungen, "die Hand, die sich nach allen Rohstoffreserven ausstreckt" sowie die Sicherung von Absatzmärkten, die den Antikommunismus anheizten. Der militärische AufmarschAb Jahresbeginn 1965 schickte der gerade gewählte und in sein Amt eingeführte US-Präsident Johnson starke Truppenverbände nach Vietnam und begann mit massiven Bombardements auf die DRV. Die Operation trug den Codenamen "Rolling Thunder" und begann am 2. März 1965. Über hundert Flugzeuge starteten von den Flugzeugträgern im südchinesischen Meer und warfen Bomben über Vietnam ab - übrigens ohne dass die amerikanische Öffentlichkeit davon erfuhr. Drei Jahre hielten die Bombardierungen an und es wurden dabei mehr Bomben auf Vietnam abgeworfen als während des gesamten zweiten Weltkriegs in Europa. (ebd., S. 227, 228). Im März 1965 landeten die ersten Marineinfanteristen am Strand von Da Nang; bis Ende des Jahres war die Zahl der GIs in Vietnam bereits auf 185 000 angewachsen. Ein gigantischer Aufmarsch militärischer Macht hatte begonnen, der acht Jahre später bei Kriegsende in einer Truppengröße von 500 000 Soldaten aller Waffengattungen gipfelte. Der Militäraufmarsch richtete sich gegen zwei Ziele: Die Demokratische Republik Vietnam, die legitime (sozialistische) Regierung im Norden des Landes, sowie gegen die Befreiungsfront in Südvietnam. Die FNL wandte sich gegen das korrupte und brutale Marionettenregime von US-Gnaden in Saigon. Darüber hinaus trat sie für die Einheit des Landes ein, so wie es in der Genfer Indochina-Konferenz von 1954 international vereinbart worden war. Im Süden operierten insbesondere die US-Bodentruppen sowie Marineinfanterie. Gegen den Norden richteten sich die Dauerbombardements und Seeblockaden gegen den größten Seehafen Hai Phong.
Barbarei und VölkermordDie USA setzten in Vietnam alle Waffen ein, die sie hatten - mit Ausnahme der Atombombe. Zu den perfidesten Aktionen gehörte die systematische Bombardierung der Deichsysteme, um den Reisanbau zu zerstören, der Abwurf von Minen, die wie Früchte oder Spielzeuge aussahen, um die Zivilbevölkerung, vor allem Kinder, zu töten und zu demoralisieren. Auch vor dem massiven Einsatz biologischer und chemischer Kampfstoffe schreckten die USA nicht zurück. Giftgase, gegen militärische und zivile Erdbunkersysteme, Napalm und vor allem Herbizide wurden rücksichtslos gegen Mensch und Natur eingesetzt. Das am häufigsten eingesetzte Pflanzenvertilgungsmittel hieß Agent Orange.
Agent OrangeEs wurde in der Regel mehrfach versprüht und führte innerhalb kurzer Zeit zum völligen Absterben der Vegetation. Das Gift war auch für den Menschen schädlich. Bei den Sprühaktionen selbst führte es zu schwerer Atemnot und anderen Vergiftungserscheinungen. Dramatisch sind insbesondere die Langzeitwirkungen. Viele der Menschen, die mit der Giftsuppe in Berührung kamen, erkrankten an Krebs und starben in den Jahren nach dem Krieg. Und bis heute gibt es Tausende Menschen, Nachkommen der Besprühten, die mit Behinderungen und verkrüppelten Gliedmaßen und Organen zur Welt kommen. Mit den Entlaubungsaktionen und der Zerstörung von Reisfeldern verfolgten die US-Truppen drei Ziele. Der FNL - in den USA und im Westen abschätzig auch Viet Cong genannt - sollte die Deckung des tropischen Regenwalds genommen werden und der Nachschub an Waffen und Nahrungsmitteln behindert werden. Zum andern sollen bewusst Nahrungsmittel zerstört werden, um den Befreiungskämpfern und der mit ihr sympathisierenden Bevölkerung die Lebensgrundlage zu rauben. Mit der Zerstörung der ländlichen Agrikultur sollte darüber hinaus eine Landflucht ausgelöst werden und die Bauern in die Städte getrieben werden. Für das Versprechen, dort mit Reis versorgt zu werden, wurden allerdings die Söhne der Familien in die südvietnamesische Armee gepresst. Der US-Armee gelang es aber nicht, die Befreiungsfront zu schwächen oder gar zu besiegen. Mit immer brutaleren Mittel wurde gegen die tatsächlichen oder vermeintlichen Anhänger und Kämpfer, vor allem in Mittelvietnam und im Mekongdelta, vorgegangen. US-Soldaten ließen sich zu jeder noch so bestialischen Brutalität hinreißen. Sie fotografierten sich mit lässig im Mundwinkel hängender Zigarette vor geköpften Männern, Frauen und Kindern, erschossen vor laufenden Kameras Zivilisten und gefangene Soldaten.
Bodycount und My LaiIn der Kriegsphase 1967/68 hatte die US-Militärführung eine neue Taktik entwickelt: "Search and destroy." Die kleinen und größeren Gruppen von Kämpfern der Befreiungsfront sollten aufgespürt und auseinander getrieben werden. Auseinander treiben hieß allerdings nichts anderes als töten. Um den Erfolg der neuen Strategie unter Beweis zu stellen wurden am Abend jedes Tages die getöteten Gegner gezählt und an das Pentagon gemeldet. Der sogenannte Bodycount war der Leistungsnachweis der Soldaten für ihre Vorgesetzten und ihre politischen Auftraggeber im Pentagon, dass sie ihr Handwerk korrekt ausgeführt hatten. Zu einem der schrecklichsten Massaker im Kontext dieser Search-and-destroy-Aktionen kam es am 16. März 1968 in dem mittelvietnamesischen Dorf My Lai in der Provinz Quang Ngai. 504 unbewaffnete Zivilisten metzelten Soldaten der 11. Infanteriebrigade der US-Armee nieder. Der Kompaniekommandeur Ernest L. Medina erteilte in der Nacht vor dem Massaker den Befehl, das Dorf zu umzingeln und auszulöschen. Angeblich sei dort ein Bataillon des Vietcong in Stellung gegangen. 250 bis 280 Soldaten wurden am Morgen des 16. März gegen 7.30 Uhr am Rande des Dorfes von Hubschraubern abgesetzt. Sie begannen schießen. Obwohl kein Gegenfeuer festzustellen war, gingen sie in breiter Front auf das Dorf zu und erschossen alle Menschen, die ihren Weg kreuzten. Frauen und Kinder, die fliehen wollten, wurden ebenso erschossen wie alte Männer, die der Feldarbeit nachgingen. Die Soldaten warfen Handgranaten in die Häuser. Ein alter Mann wurde in den Brunnen geworfen und mit einer Handgranate getötet. Zwei junge Frauen wurden zuerst vergewaltigt und dann aus nächster Nähe erschossen. Zeugen berichteten, dass sich etwa 150 Personen, zumeist Frauen und Kinder, in einem Graben versteckt hatten. Als sie furchtsam aus ihrem Versteck schauten, wurden sie von Zugführer Leutnant William Calley einfach niedergemäht. Stefan Kühner ist stellvertretender Vorsitzender der Freundschaftsgesellschaft Vietnam |