2005-09-30
Her mit dem schönen Leben!
Lebst du schon oder arbeitest du noch?
Ich werfe meinen beruflich bedingten, regelmäßigen Blick auf die Lehrstellenliste, ich schlage in der Mittagspause die Tageszeitung auf: Arbeitsmarktgipfel, Qualifikationsoffensive, die Diskussion um sogenannte Kombilöhne - Die (auch sogenannten) Experten haben jedes Jahr neue und neuverpackte Konzepte parat. Schon beim Kaffee angelangt, diskutiert die Kolleginnenschaft: Sperrn's jetzt alle (die letzten Jahre heilsversprechenden) Coaching- und Orientierungsmaßnahmen zu? Könnte nicht alles auch ganz anders funktionieren? War da nicht was? Fordert die Gewerkschaft eigentlich noch Arbeitszeitverkürzung? Bräuchten wir nicht ein ganz anderes System der Existenzsicherung?
Ein halbwegs sinnvoller, ordentlich bezahlter und einigermaßen sicherer Job gilt hierzulande als Schlüssel zur Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum - wie insgesamt am gesellschaftlichen Leben. Von derartigen Arbeitsplätzen - oder überhaupt irgendwelchen Jobs - können derzeit allzu viele nur träumen.
Freilich waren solche "Normalarbeitsverhältnisse" auch früher schon nur einer Minderheit der Bevölkerung vorbehalten: für den Großteil der Frauen und MigrantInnen war "Prekarität" immer der "Normalzustand".
Prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse wurden in den vergangenen Jahren zunehmend auch zum Standard für einen Großteil der bis dahin halbwegs abgesichert beschäftigten ArbeitnehmerInnen. - Wobei auch in dieser Perspektive Frauen und MigrantInnen an den Rand gedrängt bleiben.
Ansteigende Arbeitslosigkeit und die ideologische Hegemonie des Neoliberalismus sind die Grundlagen für die Durchsetzung von Verhältnissen, die die Ausbeutung intensivieren und immer mehr Menschen in prekäre, kaum noch die Existenz sichernde Beschäftigungsverhältnisse zwingen. - Und selbst für solche Jobs werden den ArbeitnehmerInnen Flexibilität, Anpassungsfähigkeit, Bereitschaft zum fremdbestimmten, lebenslangen Lernen sowie aufopfernde Leistungsbereitschaft abverlangt - das Ganze ohne ein adäquates Netz sozialer Sicherung, das wird nämlich gerade demontiert statt ausgebaut.
... Ja, da war noch was! Leben sieht meiner Meinung nach anders aus � ein selbstbestimmtes Leben allemal. "Her mit dem ganzen Leben, her mit dem schönen Leben!" - die zentralen Wahl-Slogans der Wiener KPÖ - meinen genau das: Radikale Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich. Ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle. Gleiche politische und soziale Rechte für Alle, unabhängig von ihrer Herkunft und Nationalität. Stärkung und Ausbau der sozialen Rechte von ArbeitnehmerInnen. Erhalt und Demokratisierung öffentlichen Eigentums. Also: keine halben Sachen!
Der Rest, den flexibler Arbeitsstress, Optimierung fremdbestimmter Qualifikation und die permanente Suche nach einem weiteren Job oder einem anderen Projekt uns noch übrig lassen, ist nicht annähernd genug!
Melina Klaus ist Spitzenkandidatin der KPÖ für die bevorstehenden Wiener Wahlen