2005-07-25
Plattenbrüder und lichtscheues Gesindel ...
Es ist kein rundes Datum in diesem Jahr, der 15. Juli 1927, aber liegt es nur daran, dass er im "Gedankenjahr" überhaupt keine Rolle spielte? Und doch: ohne die Niederschlagung des spontanen Aufstands von damals durch die bürgerliche Seipel-Regierung, die sich bereits auf die faschistischen Heimwehren stützte, ohne die klägliche Rolle der sozialdemokratischen Parteiführung während und nach dem Aufstand ist die Errichtung des austrofaschistischen Systems 1933 und die Niederlage im Februar 1934, sowie der Untergang Österreichs 1938 nicht zu verstehen.
Am 14. Juli verkündete die Justiz den Freispruch der Angehörigen der Frontkämpferverbände, die im Jänner 1927 im burgenländischen Schattendorf drei Schutzbündler, die an einem Aufmarsch teilnahmen, erschossen hatten. Es war nicht die erste Provokation dieser Art, die sozialdemokratischen Arbeiter erwarteten sich von ihrer Partei energische Maßnahmen gegen die rechten Verbände. Tags darauf strömten Hunderttausende aus allen Arbeiterbezirken und
Großbetrieben in die Innenstadt. Es gab aber keine Parteiführung, es gab überhaupt keine Führung.
Die Wut der Menschen richtete sich gegen den Justizpalast, der in Flammen aufging. Die Seipel-Regierung ließ in die Menschenmassen schießen, es gab über 90 Tote und zahlreiche Verletzte. Selbst auf Flüchtende wurde geschossen. Der Ruf nach Bewaffnung der Arbeiterschaft wurde vom sozialdemokratischen Parteivorstand abgelehnt. Der Schutzbund schützte niemand. Ein Generalstreik brach nach 24 Stunden zusammen.
Soweit die dürren Fakten. Die kleine Kommunistische Partei erkannte die Gefahr des Aufkommens des Faschismus im Gefolge des niedergeschlagenen
Aufstands. Ihre Losungen erreichten erstmals seit der revolutionären Krise 1918/19 die Masse der sozialdemokratischen Arbeiter. Die Rede des damaligen
Reichsekretärs der KPÖ Koplenig und späteren Vizekanzlers in der ProvisorischenRegierung Renner am Grab der Opfer des 15. Juli fand große Beachtung.
In meiner Familie erinnerte man sich an diesen Tag folgendermaßen: Wie tausende andere nahmen die Geschwister Lirsch als sozialdemokratische junge
Funktionäre an den Demontrationen teil. Am nächsten Tag lasen sie in sozialdemokratischen Zeitungen, dass "Plattenbrüder, lichtscheues Gesindel und Kommunisten" die Arbeiter zum Aufstand aufgehetzt hätten. Also, sagten sie sich, Plattenbrüder und lichtscheues Gesindel sind wir nicht, also können wir nur
Kommunisten sein. Und traten 1927 der KPÖ bei.
Literatur: Winfried R.Garscha/Barry MacLoughlin: Wien 1927, Menetekel für die Republik, Globus Vlg. Wien 1987
Hinweis:
"Das Verführerische am Nationalsozialismus"
- neuer Hintergrund-Text von Wolfgang Brenn.