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Wolf Jurjans

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2005-03-18

Blöd sein ist nicht leinwand

Als ich Montag früh von der Nachtschicht nach Hause fuhr, krallte ich mir, wie immer in der U-Bahn die gratis HEUTE Zeitung und sah auf der Titelseite eine jubelnde El. Sie hatte alle Fragen bei Assingers Show richtig beantwortet. Eine spontane Freude fuhr in mir hoch und beendete brutal das Schlafen meines Familienverbandes.

Nach dem ersten Überschlafen meldete sich der Neid. Warum hat sie's geschafft und ich nicht. Als ich am Abend die Show sah, wusste ich, warum. Ich hätte die Fragen nicht beantworten können und hätte bei der Schlussfrage sicher nichts riskiert.

Mit meinen Träumen und Möglichkeiten wieder im Reinen, versuchte ich, die Popularität El's für mich zu nützen. Ich erzählte beim Schichtwechsel meiner jungen Kollegin aus Favoriten, dass ich ein "Bekannter" der neuen Millionärin bin. "Ein Bekannter war", meinte sie trocken. "Die ist ja jetzt auf der anderen Seite der Menschheit"; ich hielt den Mund und grummelte: Wie ich diese Klischees hasse, diesen dumpfen Klasseninstinkt. El ist anders. Ich hab von ihr doch eine hohe Meinung, mir gefällt ihre kritische, unkonventionelle Art, ihre praktische, analytische Herangehensweise. Ihr "Was liegt, das pickt". Die nächste Nummer der Heute Zeitung gibt mir recht: "Millionärin hilft den Armen." Sie wird der Ute Bock was zukommen lassen. Genau. Das ist "meine" El wie ich sie kenne. Ich ruf sie an. Erzähl ihr, wie ich mich freue.

"Jetzt gratulieren's mir schon in der U-Bahn", berichtet sie. Meine Erwartungshaltung steigt. Da schafft es wer mit Meinungen und Haltungen wie El, sich den Weg auf die Bühne zu erarbeiten. Bin gespannt, wie sie diese win-win Situation nützt. Ökonomisch aus dem Schneider hat sie freie Hand und freien Kopf. Mit ihrem Intellekt und ihrem Instinkt ist ihr klar, welches Instrument sie mittlerweile geworden ist. "Die schrille Lohnbuchhalterin, die sich was traut" ist zur frohen Botschaft in der Zeit des neoliberalen Kahlschlags geworden. Ihr Gebrauchswert ist kurzlebig, der Hipe ist bald vorbei. El wird's schon hinkriegen. Das Zeitfenster geht gleich wieder zu. Den Tauschwert hat sie schon kassiert, jetzt wird sie den Spieß umdrehen und ihre Inhalte forcieren.

Dritter Tag. Mein Trafikant hat meine Erregung mitbekommen und hat El's großes TV-Media Interview schon vorgelesen. "Die hat aber nichts mit 'Euch' zu tun", korrigiert er meine Erzählungen über El. Ungläubig, aber mit dem Gefühl, bald wieder den Boden der Tatsachen erreichen zu werden, lese ich nach: "Wo stehen sie denn selbst politisch?" Fragt TV MEDIA: "Nirgends. Früher war ich der KPÖ sehr nahe, aber die sind ja wirklich sehr blöd. Heute bezeichne ich mich zwar als links, möchte aber zu keiner Partei mehr gehören oder von einer vereinnahmt werden."

Wie recht Du hast, El, denk ich mir. Wie kann ich mit meinen zweiundfünfzig noch immer so blöd sein, zu glauben, dass Geld nicht alle Menschen verändert, und warum weiß meine junge Kollegin das. Wie kann ich so blöd sein, zu glauben, dass Du, von den Medien und dem Herrschaftsbewusstsein vereinnahmt, als strategisch das Glück planende Kurzzeitikone herumgereicht, einmal sagen wirst, dass dir diese Vereinnahmung lieber ist als die durch eine Partei (von der Du Dich, was ich mich erinnern kann, nie vereinnahmen hast lassen).

Spannend wäre, wie Du meinen Artikel über Dich geschrieben hättest, solange du noch in der Volksstimme geschrieben hast. Er wäre schärfer, ironischer, und um einiges härter gewesen. Alles in allem "a blöde G'schicht".

Trotzdem, alles Gute, wenn Du im Geländewagen ein Jahr durch die Wüste braust. Vielleicht triffst Du dort den Kohl. Der glaubt ja auch, durch die Wüste Gobi gehen zu müssen. Vielleicht ist dort eine andere Welt möglich. Wenn ja, schreib uns bitte und lass uns nicht blöd sterben.