Logo HINTERGRUND

HEUTE
HINTERGRUND
ANGEBOTE
TERMINE
KONTAKT

REDAKTION

Druckversion

2005-04-12

In Memoriam Dr. Kurt Horeischy und Dr. Hans Vollmar

Aus Anlass des 60. Jahrestages dieses tragischen Ereignisses fand am 7. April eine Gedenkveranstaltung im Chemischen Institut statt, zu der die HochschülerInnenschaft an der Universität Wien und das Dokumentationsarchiv des Österriechischen Widerstandes eingeladen hatten.

Vizerektor Univ.Prof. Dr. Arthur Mettinger begrüßte die Veranstaltung. Aus den Erinnerungen des Schriftstellers Johannes Mario Simmel, der sich 1945 im Chemischen Institut versteckt hielt, las Doris Hofmann von der Hochschülerschaft-Fakultätsvertretung Naturwissenschaften. Dann sprachen Dr. Hans Friedmann, der mit Kurt Horeischy in den Dreißigerjahren im illegalen Roten Studentenverband zusammengearbeitet hatte, Hon. Prof. Dr. Wolfgang Neugebauer vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes, und Univ. Prof. Dr. Thomas Schönfeld vom Institut für Anorganische Chemie der Universität Wien. Zum Abschluss wurde ein Text von Bertolt Brecht vorgetragen, aus seinem Theaterstück "Das Leben des Galilei", in dem er eine Mahnung zu verantwortungsbewusstem, der Menschheit dienendem Handeln an die Naturwissenschaftler richtet. Im Folgenden einige bei der Veranstaltung vorgetragene Texte:


Aus der Rede von Dr. Hans Friedmann:

Zunächst einige Worte über mich selbst: Geboren 1914 habe ich im Jahre 1932 an der Universität Wien mein Chemiestudium begonnen und Anfang des Jahres 1937 meine Dissertation angefangen. Aufgrund der Besetzung Österreichs durch die deutschen Nationalsozialisten mußte ich jedoch mein Studium im März 1938 abbrechen und mußte die Emigration antreten, in deren Verlauf ich nach Kolumbien gelangte. Dort fand ich als Chemiker eine Arbeit in einer Zementfabrik. Nach einem Zwischenaufenthalt in Schweden kehrte ich im Jahre 1953 nach Österreich zurück, wo ich mein Studium im Jahre 1956 abschließen konnte.

Während meines Studiums in den 30er-Jahren war ich seit seiner Gründung Mitglied und Aktivist des Roten Studentenverbandes (RSV) - der gemeinsamen illegalen Studentenorganisation der Kommunisten und der Revolutionären Sozialisten (RS). Der RSV war die Organisation, in der die linken Gegner der Dollfuß-Diktatur an allen Fakultäten der Universität Wien und der Technischen Hochschule vereinigt waren. Wir trafen uns damals regelmäßig in Fünfergruppen, von denen aus konspirativen Gründen nur ein einziges Mitglied in Verbindung mit der Organisationsleitung war. Alle Mitglieder hatten einen Decknamen, meiner war "Egon".

Es muß im Jahre 1935 gewesen sein, als ich von der Leitung des Roten Studentenverbandes den Auftrag erhielt, mich mit einem Physikstudenten im Hof der chemischen und physikalischen Institute der Universität Wien zu treffen und ihn in die illegale politische Arbeit einzuführen. Und so lernte ich Kurt Horeischy kennen - von da an war sein Deckname "Genosse Münch". Er war ein ziemlicher stiller, fast schüchterner Mensch, ziemlich groß, mager, dunkelhaarig.

Die Chemie- und Physikstudenten in dem Gebäudekomplex Währingerstraße-Boltzmanngasse-Strudlhofgasse waren eine der stärksten Abteilungen des RSV. Es wurden verschiedene politische Aktionen durchgeführt, die den Kollegen und den Herrschenden zeigen sollten, daß ein Verbot die Präsenz der Linken an den Hochschulen nicht zum Verschwinden bringen konnte. Es wurden automatisierte Flugzettel-Streuaktionen durchgeführt, Fahnen wurden selbsttätig gehißt, Flugzettel in die Garderobenkästen deponiert, Fensterscheiben im Hauptgebäude der Universität mittels Flußsäure mit Hammer und Sichel-Symbolen bemalt, regelmäßige Ausgaben von Zeitungen, die mit den damals gebräuchlichen Methoden vervielfältigt wurden, gegen geringes Entgelt vertrieben; es gab marxistische Schulungen und politische Diskussionen, die aus konspirativen Gründen im Wienerwald stattfanden oder in nahe gelegenen alpinen Gegenden als Schikurse getarnt; und anderes mehr.

Kurt Horeischy nahm an diesen Aktivitäten teil. Er war damals unter anderem mit mir und meiner späteren Frau, ebenfalls einer Chemiestudentin, persönlich gut befreundet. Nach der Auflösung des sog. "Ständestaates" von Dollfuß und Schuschnigg durch die Diktatur der Nationalsozialisten und dem dadurch bedingten Zerfall des RSV mußten die in Wien Verbliebenen unter verschärften Bedingungen im Widerstand weiter kämpfen. Kurt Horeischy sattelte nach einer Verwundung im Militärdienst zur Chemie über und wurde Assistent am 1. Chemischen Institut, Währingerstraße 42, d. h. in diesem Gebäude.

Im Jahre 1945 wusste er, daß im Zuge des Vorrückens der Sowjetarmee und des bevorstehenden Zusammenbruchs der NS-Herrschaft die Nazis verhindern wollten, dass wertvolle wissenschaftliche Geräte in die Gewalt des sog. "Feindes" fallen. Er schloss sich daher der Widerstandsgruppe am chemischen Institut an, die sich zum Teil in den sehr weitläufigen Institutskellern versteckt hielt und von dem damaligen Institutschef Prof. Ebert gedeckt wurde.

Dieser Kellergruppe gehörten neben Kurt Horeischy und Dr. Vollmar auch Johannes Mario Simmel, Otto Hofmann-Ostenhof , später Professor der Biochemie an der Universität Wien und Vorstand des Instituts für Allgemeine Biochemie, und eine Reihe anderer Verfolgter bzw. Widerstandskämpfer an.

Am 5. April 1945, also vor fast genau 60 Jahren, trat die Widerstandsgruppe in Aktion, wie es von Johannes Mario Simmel in seinem Roman geschildert worden ist, und Kurt Horeischy und Dr. Vollmar fielen dem Nazi-Professor J. Lange zum Opfer. Dieses Ereignis - ein Universitätsprofessor erschießt zwei Assistenten in einem Universitätsinstitut - hat vielfältige Nachwirkungen gehabt. Eine dieser Nachwirkungen sehen Sie heute vor sich, denn es war der in der Ausstellung vor dem Hörsaal zu sehende Brief von Kurt Horeischy�s Vater an mich, dessen Empfang sich entscheidend auf meinen Beschluß ausgewirkt hat, aus dem fernen Emigrationsland Kolumbien nach Europa zurückzukehren.

Nach dem Krieg waren meine Frau und ich bei den Eltern Kurt Horeischy�s eingeladen und wohnten auch eine Zeit lang bei ihnen. Der Vater von Kurt war ein sozialdemokratischer Direktor an einer Hauptschule. Er hatte nichts dagegen, dass Kurt und ich in einer Organisation tätig gewesen waren, der viele Kommunisten angehört hatten. Er meinte mit Recht, daß man damals, in der Diktaturzeit, nicht so viel Wert auf die Verschiedenheit unter den Linken gelegt hat.

Eine Folge der Untat vom 5. April 1945 ist es, daß wir sehen können, wie weit die Bestialisierung durch den Nazifaschismus gehen konnte, daß ein Wissenschaftler (der notabene ein guter Chemieprofessor gewesen sein soll) ein für sein Institut und für Österreich äußerst wertvolles Instrument zerstören wollte und dafür bereit war, seine Mitarbeiter zu töten. Nicht die Wissenschaft, sondern die menschenfeindliche Ideologie war für ihn das Primäre und ein Menschenleben zählte nichts gegenüber einer Wahnidee.


Doris Hofmann las aus dem Roman "Wir heißen euch hoffen" von Johannes Mario Simmel

... Der Tiefkeller des Chemischen Instituts füllte sich von Tag zu Tag mehr - er war offensichtlich vielen Verzweifelten, die sich verstecken mussten, als sicherer Ort genannt worden. ... desertierte Soldaten, entsprungene politische Gefangene, verschleppte Zwangsarbeiter aus Frankreich, Polen, der Ukraine und anderen Ländern - oft abenteuerliche Gestalten, die jetzt über Gefangenenkluft, Wehrmachtsuniform oder Overall weiße Laborkittel trugen. Sie wurden versteckt und beschützt von einer Reihe junger Menschen, Männer und Mädchen, die alle den Anordnungen des Leiters dieses geheimen "Stützpunktes Chemie", eines gewissen Dr. Kurt Horeischy, folgten. Die zurückgebliebenen Institutsangehörigen und die Mitglieder der Widerstandsbewegung um Horeischy behandelten die fremden Menschen wie Brüder, teilten ihr karges Essen mit ihnen, brachten Zigaretten und Nachrichten von draußen - und im zweiten Stock arbeitete verbissen der stellvertretende Vorstand des Instituts, ... Professor Jörn Lange. Es war Lange vollkommen klar, wer sich da unten im Keller des Instituts eingenistet hatte; selbst einige Halbjuden, die er in seiner Abteilung bis zuletzt gehalten und damit geschützt hatte, schliefen dort. Lange verriet keinen von ihnen. Doch dieser andererseits fanatische, in dem was er für die "richtige" Politik hielt, unerbittliche Mann erschien gegen die Mittagsstunde des 5. April 1945 in der Dienstwohnung des Hausschlossers Johann Lukas und forderte ihn brüllend auf, die Tür des Raumes zu öffnen, in dem sich das Elektronenmikroskop befand. Es handelte sich um das einzige, überaus wertvolle Gerät dieser Art in Österreich. Lukas holte einen Schlüsselbund und folgte Lange durch den Gang im Erdgeschoß zu der verschlossenen Tür.

Die Stimme von Langes Assistenten Dr. Vollmar war heiser vor Erregung, als er telefonierte: "Es ist soweit!" Er stand im Laboratorium, in dem er mit Lange arbeitete. Am anderen Ende der Leitung war Dr Horeischy im Tiefkeller des Instituts: "Der verfluchte Idiot! Er wird doch nicht wirklich .. " "Doch", antwortete Vollmar. "Er hat durchgedreht. Er will den 'Rechts der Donau-Befehl' unter allen Umständen befolgen". Horeischy antworte: "Wir haben hier auch ein Radio laufen. Der 'Rechts der Donau Befehl' ist doch noch gar nicht gegeben worden."
Der Wiener Gauleiter hatte verkünden lassen: Nach einem bestimmten Satz, der von einem Sprecher des Reichssenders Wien zitiert werden könnte, sind alle wichtigen Maschinen und Einrichtungen entsprechend Hitlers Toben von der "verbrannten Erde" sofort zu vernichten. Dieser Befehl war den für Fabriken, Betriebe, Institute und Behörden zuständigen Verantwortlichen mitgeteilt worden, im Fall des Chemischen Instituts dem Professor Jörn Lange. Sein Assistent Vollmar war von ihm eingeweht - und hatte sofort Horeischy aufgesucht. Man war also im Tiefkeller informiert. Um Horeischy drängten sich viele Menschen. Der fragte übers Telefon: "Was macht Lange denn jetzt beim Elektronen-Mikroskop?". Und Vollmar: "Er hat mir erklärt, er will es sich nochmals anschauen, um zu sehen, wie es gleich nach dem Ruf über Rundfunk zerstört werden kann ... Wir müssen sofort was tun." "Klar", sagte Horeischy. "Wir gehen jetzt los. Kommst du herunter?" "Klar!" war Vollmars Antwort.

Horeischy zog eine Pistole aus der Tasche. Und sagte zu den um ihn Stehenden: "Keine Panik. Wir müssen Lange ausschalten, bevor er Unheil anrichtet." Einige aus dem Tiefkeller begleiteten ihn. Als sie den Raum mit dem Elektronenmikroskop erreichten, sahen sie Professor Lange und den Hausschlosser Lukas, der - offensichtlich mit Vorsatz - immer noch nicht die Tür geöffnet hatte, und an einem Ring mit vielen Schlüsseln herumsuchte.

"Halt!" brüllte Lange. "Keinen Schritt weiter!" Er hielt plötzlich eine schwere Pistole in der Hand. Auch Horeischy riss seine Waffe aus der Tasche. Und auch seine Begleiter hatten Pistolen gezogen. Doch einer von Horeischys Begleitern redete beschwörend auf Lange ein. "Das ist Wahnsinn!" Aber Lange drohte: " Es wird jeden von euch das Leben kosten, der versucht mich aufzuhalten." Da kam Vollmar die Treppe herunter gestürzt. Er rief: "Du darfst das Elektronen-Mikroskop nicht zerstören, Jörn!" Lange beharrte "Ich habe meinen Befehl!"

Horeischys Begleiter redeten auf Lange ein. "Sie dürfen nichts zerstören, Professor Lange. Wenn sie etwas zerstören, so werden nicht nur sie, sondern wir alle zu büßen haben ... Sie sind ein vernünftiger Mensch. Lassen sie es nicht zu einer Schießerei kommen." Erleichtert sahen sie, dass Lange die Pistole halb sinken ließ.
Und er sagte: "Ich will das Mikroskop gar nicht zerstören. Nur Teile entfernen. Ich weiß genau, was ich entfernen muss, um das Mikroskop zu lähmen. Die Russen werden Leute brauchen, die mit dem Ding umgehen können. Die Russen werden uns brauchen".

Eine Weile schwiegen alle. Seltsam theatralisch erklang die Stimme des Hausschlossers Lukas. "Meine Herren, muss hier Blut fließen?"

Lange trat von der Tür zurück und steckte seine Pistole weg und sagte: "Wenn sie ihre Waffen verschwinden lassen, bin ich bereit, mit ihnen zu beraten, was geschehen soll, damit niemandem etwas passiert, wenn die Russen kommen - und wie ich dabei meiner Verantwortung als Stellvertretender Institutschef nachkommen soll und der dann mich bindende Befehl 'Rechts der Donau' kommt. Gehen wir in mein Arbeitszimmer hinauf und besprechen dort alles in Ruhe". Horeischy sagte "Einverstanden."

Aber Begleiter Horeischys fragten ihn, als sie Lange zu dessen Arbeitszimmer folgten: "Fürchten sie nicht, dass er uns nun in eine Falle locken will?" "Das will er bestimmt nicht" - antwortete Vollmar voller Überzeugung, "Sie werden sehen, alles geht gut aus."

Lange ging auf sein Dienstzimmer zu, betrat es und Horeischy folgte ihm als erster. Ein Schuss krachte. Lange stand neben seinem Schreibtisch, die Pistole noch in der Hand. Ihm gegenüber lag Horeischy auf dem Boden. Blut färbte seinen weißen Laborkittel rot, rann auf den Boden. Langes Assistent Vollmar stürzte sich auf seinen Vorgesetzen mit bloßen Fäusten, rasend vor Empörung und Wut. Lange schoss aus nächster Nähe auf seinen Mitarbeiter. Vollmar brach zusammen.

Panik breitete sich unter den Begleitern Horeischys und Vollmars aus. Der Keller des Instituts war nun kein sicherer Zufluchtsort mehr für sie. Viele verließen das Institut durch Hinterausgänge. Minuten später hielt ein Wagen des nahen Polizeikommissariats.

Der Bericht von Johannes Mario Simmel schießt mit den Sätzen: "Zufrieden, den ihm gegebenen Befehl ausgeführt zu haben, ging Professor Lange dann nach Hause zu seiner Frau. Er lebte die nächsten Tage ohne Skrupel, denn er hatte im Einklang mit seiner Weltanschauung und als getreuer Gefolgsmann des Führers gehandelt, bis ihn dann Beamte des russischen NKWD verhafteten."


"Verantwortung der Wissenschaftler - im April 1945 und heute." Rede von Univ. Prof. Dr. Thomas Schönfeld

Auch wenn ein Ereignis nur einige wenige Menschen betrifft und nur von kurzer Dauer ist, so kann es dennoch Auskunft über große Entwicklungen geben. Das trifft auf die Ereignisse des 5. April 1945 hier im Chemischen Institut zu.

Die nationalsozialistische Herrschaft, die mit den Überfällen auf andere Länder den Zweiten Weltkrieg ausgelöst hat und somit die Verantwortung für 55 Millionen Tote trägt, ist mit der gleichen kriminellen Brutalität gegen Menschen des eigenen Landes - in Deutschland, in Österreich - vorgegangen, die sich dieser Herrschaft, der verbrecherischen Politik der Nationalsozialisten widersetzten, oder von denen ein solcher Widerstand vermutet wurde. Das begann bei der Machtergreifung Hitlers im März 1933, mit den sofort nach der Annexion Österreichs im März 1938 einsetzenden Verfolgungen , und das endete mit Exekutionen und Morden in den letzten Tagen vor dem endültigen Zusammenbruch der Naziherrschaft.

Mit der Politik der verbrannten Erde, mit der Zerstörung von Werkanlagen und Forschungseinrichtungen sollten einem Wiederaufbau, einem Neubeginnen in einer von der Naziherrschaft befreiten Welt wichtige Grundlagen genommen werden. Nicht die Hoffnungen und Pläne der Menschen zählten, sondern nur der Wunsch verbrecherischer Eliten, alle in den Strudel des von ihnen verschuldeten Untergangs mitzureissen.

Die Ereignisse des 5. April 1945 hier im Chemischen Institut zeigen auch: Loyalität zu einem verbrecherischen, andere Völker niedertrampelnden Herrschaftssystem kann gewissenhaft arbeitende, normale Menschen zu Mördern werden lassen. Nicht Loyalität war da gefordert, sondern der Bruch mit dem verbrecherischen System, der Übertritt auf die Seite des Widerstandes, auch wenn das schwer und gefahrvoll sein würde. Und wir wissen: Nicht wenige sind diesen Weg gegangen.

Dem Widerstandkämpfer Horeischy und seinen Freunden ging es darum, wissenschaftliche Forschungskapazität für das neue, von der Naziherrschaft befreite Österreich zu sichern. Sie wussten von der Bedeutung der Geräte in ihrem Institut. Sie wollten aus ihrer Verantwortung als Wissenschaftler handeln. In den 60 Jahren seit damals ist die Verantwortung der Wissenschaftler zu einer viel diksutierten Frage geworden. Verantwortung - das bedeutet, die Konsequenzen der eigenen wissenschaftlichen Arbeit im Auge zu haben, und die wissenschaftliche Entwicklung insgesamt , ihre Rolle in und für die Gesellschaft zu erkennen und zu berücksichtigen. Dabei hat in diesen 60 Jahren die Entwicklung von Massenvernichtungswaffen, insbesondere der Kernwaffen, aber auch anderer Linien der Entwicklung der Militärtechnik, eine besondere Rolle gespielt. Bei allen Linien der Waffenentwicklung kommt seither Wissenschaftlern und Entwicklungsingenieuren eine wesentliche Rolle zu.

Es ist - wie mir scheint - zu einer beängstigenden Militarisierung vieler wissenschaftlicheer Bereiche gekommen - weltweit betrachtet. Über die Hälfte aller Wissenschaftler arbeitet für die Rüstung, bzw. für militärische Einrichtungen. Niemand wird bestreiten: Hier wird kreatives Potential gebunden , das somit nicht für die Lösung wichtiger gesellschaftlicher Probleme zur Verfügung steht.

Sie werden wahrscheinlich einwenden: Solche Zahlen gelten nicht für Österreich. Das stimmt - jetzt. Aber die weitere Entwicklung ist ungewiss. Die jetzt zur Ratifikation anstehende Verfassung für die Europäische Union sieht die Schaffufng einer Europäischen Rüstungsagentur vor. Laut Artikel III-311 wird sie u.a. die Aufgabe haben, die Forschungen auf dem Gebiet der Verteidigungstechnologien zu unterstützen und gemeinsame Forschungsaktivitäten der Mitgliedstaaten zu planen und zu koordinieren. Es sollen die industriellen und technischen Grundlagen für den Verteidigungssektor gestärkt werden. Es fällt auf: In diesem Verfassungstext ist viel von Steigerung militärischer Anstrengungen in allen Mitgliedstaaten die Rede, nun im Sinn einer dauernden, verfassungsmäßig festgelegten Verpflichtung der Mitgliedstaaten, aber kaum von der Notwendigkeit von Abrüstung. Der hier genannte Artikel der EU-Verfassung legt nur Rahmenbedingungen fest. Aber auf dieser Grundlage kann auch eine Verstärkung der Rüstungsforschung in Österreich auf den Weg gebracht werden.

Zur Verantwortung der Wissenschaftler heute: Da sind kaum Situationen zu erwarten, wie die, in denen Horeischy und seine Freunde zu handeln sich genötigt sahen, und die schnellen mutigen Einsatz und Bereitschaft zu großem persönlichen Risiko erforderten. Dass wir jetzt nicht in solchen Zeiten leben, das ist wohl insbesondere der Tatsache zu danken, dass das Wesen der Naziherrschaft und das gemeinsame Ringen der Kräfte der Anti-Hitler-Koalition im Bewusstsein der Menschen präsent sind und dieses Bewusstsein - so ist zu hoffen - von Bestand sein wird. Wenn die Vertreterinnen und Vertreter der Studierenden zu der heutigen Veranstaltung eingeladen haben, so ist das ein gutes, sehr erfreuliches Zeichen für den Fortbestand dieses Bewussseins.

Heute geht es um das Zurückdrägen der Militarisierung der Wissenschaft. Für manche Wissenschaftsgebiete gibt es sehr spezielle Probleme. Aber die allgemeinen Bemühungen um Rüstungsstopp, um Rüstungskontrolle und um Abrüstung - dass betrifft alle Menschen und alle Wissenschaftler. Dass die Gefahren des Wettrüstens verläßlich nur durch Abrüstung gebannt werden können, davon war schon Bertha von Suttner überzeugt, und sie hat das bereits 1889 zum Ausdruck gebracht, als sie ihrem berühmten Anti-Kriegs-Roman den Titel gab: Die Waffen nieder!

Wenn wir die heutigen Aufgaben erörtern wollen, so müssen wir die dunklen, beunruhigen Wolken wahrnehmen, die sich in den allerletzten Jahren zusammengeballt haben. Bei den Bemühungenm um Rüstungsstopp und Abrüstung gibt es einen Stillstand, ja sogar Rückschritte. Die jahrelangen Verhandlungen über ein Protokoll, mit dem Kontrollbestimmungen zum Vertrag über das Verbot biologischer und Toxin-Waffen vereinbart werden sollten, sind gescheitert. Für Verhandlungen über einen Stopp der Produktion von waffentauglichen spaltbaren Materialien konnte kein Mandat zu Stande gebracht werden. Der Vertrag über die Begrenzung von Raketenabwehrsystemen, 1972 zwischen den USA und der Sowjetunion abgeschlossen, der 30 Jahre als besonders wichtiges Element zur Verhinderung einer strategischen Destabilisierung angesehen wurde, wurde von den USA aufgekündigt, um freie Hand für die Entwicklung solcher Waffensysteme zu erhalten. Und unter Einsatz großer Mittel sind solche Entwicklungsarbeiten jetzt in Gang. Gearbeitet wird an der Entwicklung neuer Arten von Kernwaffen, die u.a. stark befestigte Anlagen aufbrechen können. Es fehlt hier die Zeit, weitere beunruhigende Entwicklungen zu nennen.

Wie sollen Wissenschaftler in dieser Zeit dem Gebot ihrer Verantwortung nachkommen? Manchmal sind einfache Regeln oder Vorgangsweisen vorgeschlagen worden. Zum Beispiel eine Art hippokratischer Eid für Naturwisschaftler und Ingenieure, der vielleicht bei den Studienabschlüssen abzulegen wäre. Doch die komplizierten Diskussionen über ethische Fragen der Medizin zeigen, dass auch auf diesem Gebiet ein einfach formulierter Eid heute kaum Handlungsrichtlinie sein kann. Das würde erst recht für die oft noch komplizierteren Problemlagen in naturwissenschaftlichen und technischen Richtungen gelten. Dennoch sollte die Möglichkeit einer solchen Verpflichtung weiter diskutiert werden.

Es gibt auch Vorschläge für die Initiierung einer Bewegung zur allgemeinen Verweigerung von Mitarbeit an militärischen Forschungen. Und auch hier treten schwer zu beantwortende Fragen auf. Es gibt viele Grauzonen, wo Geräte oder Methoden entwickelt werden, die sowohl für militärische wie für friedliche Zwecke Anwendung finden können. Das gilt wohl besonders für die Entwicklungen auf den Gebieten Elektronik und Informationstechnologien.

Die Feststellung, dass es schwer fällt, einfache Regeln, einfache Schritte zur Wahrnehmung der Verantwortung von Wissenschaftlern zu vereinbaren, darf aber nicht zur Folgerung führen, dass ein Handeln in diesem Sinn unmöglich sei. Also dass Wissenschaftler auf jede Kontrolle der Wirkungen ihrer Tätigkeit verzichten müssen, dass sie auf die entsprechenden Entscheidungen wirtschaftlicher oder politischer Art keinen Einfluss ausüben können. Anzustreben ist vor allem eine Intensivierung der Diskussionen auf vielen Ebenen des wissenschaftlichen Lebens - in wissenschaftlichen Fachverbänden, in Fakultäten, in Seminaren und Symposien, in denen auch Studierende mit den Problemen der Wissenschaftsperspektiven und der Verantwortung der Wissenschaftler bekannt gemacht werden können.

Kurt Horeischy und seine Freunde traten an, um die Durchführung des wissenschaftszerstörenden Befehls der verbrannten Erde zu verhindern.

Heute gilt es den nach wie vor vertretenen Auffassungen, militärische Stärke sei der einzige Garant von Sicherheit, entgegenzutreten. Denn sie führen zu einer Orientierung großer
Bereiche der Wissenschaft auf militärische Aufgaben. Verantwortung der Wissenschaftler heute erfordert einzutreten für Entmilitarisierung der Wissenschaft und für umfassende Bemühungen um Abrüstung.