2005-07-05
Männliche Philosophie versus feministische Ideologie
Am 9. Juni fand in der Cafeteria der Katholischen Hochschulgemeinde (interessanterweise KHG abgekürzt) und von dieser organisiert eine Veranstaltung zum Thema "Geschlechterpolitik zwischen Vernunft und Ideologie" statt. Der Referent war der Leiter der "männerpolitischen Grundsatzabteilung" im Sozialministerium, der berühmt berüchtigten Abteilung 6, Dr. Johannes Berchtold. Glücklicherweise erfuhr ich erst nach dem 9. Juni davon, wäre ich wohl in einem Anflug von Masochismus eventuell versucht gewesen, mich dorthin zu begeben.
Nun möchte ich aber der/dem geneigten LeserIn nicht den Einleitungstext des Plakates vorenthalten. Vorweg ist es schon interessant zu bemerken, dass ganz offensichtlich bereits in der Formulierung des Themen-Titels die geschlechtliche Aufteilung von Ratio und Ideologie klar gemacht werden soll: Die Männer haben die Vernunft gepachtet und die Frauen die emotional unterlegte Ideologie. Ebenfalls aufschlussreich und bereits ergänzend zum Titel der erste Satz: "Nach dem Scheitern der feministischen Ideologie, die für die Abtreibungsfreigabe, Bekämpfung von Ehe und Familie und die schrittweise Auflösung der Geschlechteridentität verantwortlich ist, soll wieder nach einer vernünftigen Geschlechterpolitik gefragt werden." Der Satz ist so voll von patriarchalen Ideologien, dass es schwer ist sich zu entscheiden, wo frau anfangen soll.
Da ist einmal das "Scheitern der feministischen Ideologie". Klaro, dass die männliche Vernunft siegen muss und die weibliche Ideologie zum Scheitern verurteilt ist. Der Text bleibt uns schuldig zu erklären, was mit feministischer Ideologie eigentlich gemeint ist. Immerhin gibt es seit den siebziger Jahren eine Fülle von feministischen Theorieansätzen, die in vielerelei Hinsicht von fortschrittlichen Frauen und Männern aufgegriffen und in die politische Praxis einbezogen wurden. Selbst der Neoliberalismus macht sich feministische Forderungen zu Nutze, selbst wenn im neoliberalen Neusprech diese mit anderen Inhalten und Titeln versehen wurden, wie die Forderung nach Selbstbestimmung, was im Neoliberalismus bedeutet, sich einem unkontrollierten Markt "flexibel" unterzuordnen.
Dann haben wir als nächstes den empörten Vorwurf, die Feministinnen hätten für die "Abtreibungsfreigabe" gekämpft. Natürlich haben sie das. Und es war einer der bedeutendsten Kämpfe der zweiten Frauenbewegung, dass Frauen sich nicht länger einer patriarchalen Reproduktionskontrolle unterwerfen müssen. Aber wenn wir von "Abtreibungsfreigabe" sprechen, die eine solche in Österreich nie war, dann müssen wir auch von den Übergriffen fanatischer Abtreibungsgegner reden, oder davon, dass Papst Johannes Paul II Abtreibung mit dem Holocaust gleichgesetzt hat, dass Politiker wie Nationalratspräsident Kohl gemeinsam mit Kardinal Schönborn den "ungeborenen Opfern" der Abtreibungen gedenken.
Als nächster Punkt der Aufzählung feministischer "Gräueltaten" wird "Bekämpfung von Ehe und Familie" angeführt. Wer immer diesen Text verfasst hat, dem möchte ich mal unterstellen, keine Ahnung von Frauenbewegung oder feministischen Forderungen zu haben. Nicht die Familie sollte abgeschafft werden, sondern die patriarchale Form der Ehe, wie sie vor allem im Fordismus institutionalisiert wurde mit dem Ziel, einen Menschentyp zu kreieren, der an die neuen Produktionsverhältnisse angepasst lebt; in diesem Sinne war die Frau als unbezahlte Arbeitskraft für die Reproduktion eingeplant und essentiell bei der Umsetzung dieses Wirtschaftskonzepts. Schließlich arbeite der Mann besser, wenn er mit Frühstück im Bauch und gebügeltem Hemd zur Arbeit erscheint.
Als Höhepunkt der Aufzählung wird die "schrittweise Auflösung der Geschlechteridentitäten" angeführt. Du liebe Güte, Hilfe, das riecht nach Rechten für Homosexuelle und Transgender Personen, das löst neben den Geschlechteridentitäten womöglich auch das traditionelle Rollenbild auf. Die Frauen könnten meinen, ihr Platz wäre nicht im unbezahlten Reproduktionsbereich, sie könnten anfangen ihre Rechte einzufordern, und das womöglich noch über die Frauenbewegung hinausgehend. Gerade jetzt, wo sie doch auch schon wieder im neoliberalen Konzept verplant sind als flexibler Posten, die entweder unbezahlt reproduzieren oder unter extrem markt-flexiblen Bedingungen Niedriglohnjobs als Ich-Ags durchführen. Da muss mann von der männerpolitischen Grundsatzabteilung grundsätzlich einen Riegel vorschieben, schließlich können sie nicht machen was sie wollen. Das wäre ja noch schöner!
Am Ende der ganzen Empörung endlich die Fragen, um die es gehen soll: Nämlich endlich "wieder" die Frage nach einer "vernünftigen Geschlechterpolitik". Aha. Da haben wir sie wieder - die Vernunft. Warum dies nicht die feministische Geschlechterpolitik sein kann, wurde ja bereits in nur einem Satz eindeutig bewiesen, nach dieser beinahe unerträglichen Aufzählung feministischer Forderungen. Und weiter wird gefragt: "Was fördert ein konstruktives Miteinander von Männern und Frauen? Was lässt sich überhaupt philosophisch zur Geschlechterpolarität sagen?" Feministinnen haben dazu viel zu sagen und nicht nur auf philosophischer Ebene, sondern auf sehr konkreter: über Frauenarmut, ungleiche Löhne für gleiche Arbeit, Privatisierung und somit Auslagerung von öffentlichen Diensten im Reproduktionsbereich, der Alten- und Krankenpflege, Sexarbeit, die Frauen diskriminierende Pensionsreform, eine Männerabteilung im Frauenministerium und jetzt im Sozialministerium, ungenügende Kinderbetreuungseinrichtungen und deren Öffnungszeiten, Rausnahme des Abtreibungsparagraphen aus dem Strafgesetzbuch und so weiter und so fort.
Dass diese Argumente, Forderungen und Wahrheiten nicht im Sinne des Referenten liegen ist klar, immerhin zeichnet dieser gleich für mehrere Publikationen zu diesem Themenbereich verantwortlich. Diese Veranstaltung war nur ein weiteres und nicht wirklich überraschendes Blitzlicht einer zutiefst Frauen verachtenden und patriarchalen Männerpolitik, die von dieser Regierung betrieben wird und nur einem Ziel folgt: Die Umformung der Gesellschaft, die reaktionäre Ideologien mit einem neoliberalen Wirtschaftssystem verbindet, voranzutreiben.
Wenn ich mir das genau überlege, wäre ich wohl doch nicht so masochistisch gewesen und wäre nicht hingegangen.