Logo HEUTE

HEUTE
HINTERGRUND
ANGEBOTE
TERMINE
KONTAKT

Julius Mende

Druckversion

2005-04-10

Museumsboom � Ausstellungsschwemme

Aufwertung eines Standorts durch den Kulturzirkus

Derzeit wird eine neue Ausstellungshalle am Heldenberg in Niederösterreich fertiggestellt, vom Feinsten, versteht sich, für die heurige Landesausstellung. Linz und Salzburg haben neue Museen für moderne Kunst. Wie ist es möglich, dass in den Jahren der Sparpakete und empfindlicher Einsparungen bei Sozialprogrammen so flott für alte und neue Kunst gebaut wird?

Die Zauberworte sind Kulturtourismus und Standortqualität. Alle Städte von Graz bis St. Pölten werben mit regelmäßig erscheinenden Broschüren für den Besuch ihrer Kulturevents. Auch das muss bezahlt werden. Gleichzeitig klagen die Museumsdirektoren und Direktorinnen über Budgetknappheit und die Risiken der Eigenverantwortlichkeit, die z. B. zum Ausbau der Museumsshops geführt haben. Auch das muss bezahlt werden. Schließlich sei die Frage erlaubt, wer sich das alles ansieht.

Die lange Nacht der Museen zeigt wohl am deutlichsten, wohin der Hase läuft: Vermarktung von Kunst. Die Museen konkurrenzieren sich mit süffigen Ausstellungen, spektakulären Titeln und Zusatzevents. Die Besucherquoten müssen steigen, um die Umsätze bzw. das Eigenaufkommen zu erhöhen und damit auch die Subventionsspritze. Speziell in Wien streiten die Direktoren um eine allfällige Profilbildung. Der Direktor des MUMOK ist hier am konsequentesten, hat er es schließlich am schwersten, mit der Orientierung auf Avantgardekunst die Besucherscharen zu ködern.

Da inzwischen immer mehr Ausstellungsfläche zu bespielen ist und alle Museen Highlights aller modernen Kunstströmungen präsentieren, ist eine erbitterte Konkurrenz entstanden. Wie Frau Minister zur zeitgenössischen Kunst steht, kann man ja immer wieder beobachten. Im Zweifelsfalle bevorzugt sie die ausgefahrenen Wege. Diese werden aber auch von der Mehrheit der Kulturtouristen betreten: Ausstellung, Restaurant und Stadtwanderung möglichst entlang einer Museumsmeile. Das hat auch verheerende Folgen für die Stadtentwicklung. Die Museumsstädte verstärken die Verödung der Innenstadt, Stadtrandgebiete bleiben kulturell unterversorgt.

Die Aufwertung eines Standorts durch den Kulturzirkus zielt auf die qualifizierte Mittelschichtangestellten von allenfalls anzulockenden Konzernen, die sich leisten können, neben allen Kostenfaktoren auch das Kulturklima einer Stadt mit in ihre Standortüberlegungen einzubeziehen. Fragt sich halt, ob dabei an fortschrittliche Kunst gedacht ist, oder eher an angenehmen ästhetischen Freizeitgenuss. Diese marktförmige Kulturpolitik fördert zwangsläufig das genießbare Mittelmaß und die abgesessene Kunstproduktion. Doch selbst diese Werke kann der Museumsbesucher/die -besucherin bei gelungenen Inszenierungen durch gefeierte Kuratorinnen nur bedingt genießen, da man in diesem Falle von den Besucherschlangen an den Werken vorbeigeschoben wird.

Einerseits liegt in der Festivalisierung ein demokratisches Moment, das mehr Menschen in die Museen lockt. Gleichzeitig werden die Eintritte immer teurer - auch für Schulklassen, die jahrelang zumindest in die Bundesmuseen gratis gehen konnten. Das sagt uns: Geschäft und Kultur ist nicht wirklich gut zu vereinen. Es bedarf einer kulturpolitischen Konzeption, die das Neue fördert und die solide Auseinandersetzung vor allem für die Jugend und alte Menschen mit diesen Botschaften kostenlos ermöglicht. Der Karneval bindet bruchlos in die gängigen Konsummuster ein und bestärkt den konservativen Trend, der dem Museumsboom letztlich zugrunde liegt.