2005-03-31
Ein Mann namens Olah
Selten genug, dass ein wegen Betrugs und Veruntreuung rechtskräftig Verurteilter mit dem Goldenen Verdienstzeichen um die Republik ausgezeichnet wird, und zur einschlägigen Zeremonie letztere vom Bundespräsidenten abwärts sich die Ehre gibt. Die Laudatio, die denn vom Bundeskanzler Schüssel auf den zu Dekorierenden, Ex-Gewerkschaftsboss, Ex-Innenminister, klandestinen Förderer der FPÖ und stillen Mitbegründer der "Kronenzeitung" (allerdings unter missbräuchlichem Einsatz von ihm anvertrauten ÖGB-Geldern), Franz Olah, geriet auch zum Outing des Geschichtsverständnis, in dem die Regierung das von ihr proklamierte "Gedankenjahr" zu nützen gedenkt.
Während ÖGB und praktisch alle ernsthaften HistorikerInnen längst die Jahrzehnte lang als Staatsdoktrin geadelte Mär vom "kommunistischen Putschversuch" im Oktober 1950 durch eine realistischere und vor allem wahrheitsgetreuere Sicht ersetzt haben, würdigt Wolfgang Schüssel Olah als einen "aufrechten Demokraten", der Österreich vor "kommunistischen Umsturzplänen in den Fünfzigerjahren bewahrt hat".
Tatsächlich handelte es sich bei den Ereignissen vom September und Oktober 1950 allerdings um keinen Putschversuch, sondern um eine spontane - im übrigen in den westlichen Besatzungszonen, in Linz und in Steyr, initiierte - Massenbewegung gegen den 4. Lohn- und Preispakt. (Wenn im Zusammenhang mit Franz Olah schon über "putschistische" Tendenzen zu reden wäre, dann wohl hinsichtlich der jeder Demokratie Hohn sprechenden Macht, die er als Spitzengewerkschafter und Innenminister in seinen Händen vereinigte, und mit denen er sich einer demokratischen Kontrolle und schließlich der politischen Entmachtung jahrelang zu widersetzen vermochte. Dass Olah in diesen politischen Ränken auch nicht zögerte, ihm zugängliche NS-Akten gegen politische Gegner - namentlich in "seiner" Partei, der SPÖ, einzusetzen, vervollständigt dieses Bild.)
Indem im Herbst 1950 hunderttausende ArbeiterInnen in den Streik traten, gestützt auf innerbetriebliche Willensbildungen, nahmen sie ein demokratisches Recht wahr; auch die Forderungen der Massenbewegung waren sozial gerechtfertigt, nachdem die Arbeitenden jahrelang durch eine die Lohn- und Gehaltserhöhungen bei weitem übertreffende Teuerung die privatkapitalistische Akkumulation ermöglicht hatten. Die Regierung musste dieser Tatsache in den folgenden Jahren sogar Rechnung tragen, indem sie von weiteren Lohn- und Preispakten Abstand nahm.
Olahs angebliches Verdienst um die Demokratie bestand 1950 darin, im Rahmen der von ihm geführten Gewerkschaft der Bau- und Holzarbeiter mit CIA-Geldern finanzierte und ausgerüstete paramilitärische Schlägertrupps aufgestellt zu haben, die es übernahmen, dort, wo die Exekutive nicht direkt eingreifen konnte, den Streik mit Gewalt niederzuwerfen.
Im Zusammenhang mit dem zufälligen Auffinden geheimer US-amerikanischer Waffenlager Mitte der Neunzigerjahre in Salzburg wurde auch bekannt, dass diese paramilitärischen Einheiten samt der vom CIA bereitgestellten Infrastruktur bis weit über den Staatsvertrag hinaus aufrecht erhalten wurden. Bis heute ist es nicht geglückt, dieses sinistre Kapitel der österreichischen Zeitgeschichte und seinen Zusammenhang mit dem antikommunistischen Gladio-Netzwerk in Italien vollständig aufzuhellen.