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Walter Baier

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2005-09-12

Dialog trotz Unterschieden

Eigentlich dürfte nicht überrascht haben, dass Kardinal Schönborn in seinem in der New York Times publizierten Beitrag den verstorbenen Papst Johannes-Paul II folgendermaßen zitierte: Die Evolution des Lebendigen, dessen Entwicklungsstufen die Wissenschaft zu bestimmen und dessen Mechanismus sie zu erkennen sucht, habe ein inneres Ziel. Erst wenn dieses als die "internal finality" des Lebens anerkannt werde, lasse sich die Welt und der Platz der Menschen in ihr erkennen bzw. bestimmen. MaterialistInnen sehen das bekanntlich anders und bestreiten die Idee eines planenden und waltenden Gottes. Die Frage, die sich stellt, lautet, ob ein Dialog trotz dieses bekannten und fundamentalen Auffassungsunterschiedes sinnvoll ist.

Ein Dialog kann dadurch blockiert werden, dass man sein Gegenüber - mitunter absichtsvoll - missversteht. So wurde im vorliegenden Fall die Stellungnahme des Kardinals ohne näheres Ansehen mit fundamentalistischen Positionen in den USA in Zusammenhang gebracht, die statt der Darwinschen Evolutionslehre die wörtlich genommene Schöpfungsgeschichte der Genesis in den Schulbüchern sehen wollen.

Doch die von Christoph Schönborn eröffnete Debatte drehte sich gerade nicht um den biologisch-naturwissenschaftlichen Aspekt der Evolution, sondern um ihren Sinn und damit auch ihren heutigen Stand, politisch ausgedrückt, um die Verantwortung, die die Menschheit für ihre Zukunft übernehmen muss.

"Das erkennbare und bewundernswerte Ziel der Evolution", so schreibt Schönborn, "führe die Lebewesen in eine Richtung, für die sie nicht Verantwortung tragen". (Im amerikanischen Original erscheint dies durch rhetorische Verdoppelung sogar noch stärker und auch anders akzentuiert als in der deutschen Version.)

Ist diese Formel befriedigend? Oder legen heute nicht die Dynamik der Wissenschaft (etwa die Gentechnologie) und ihre Risken nahe, dass die weitere Richtung der Evolution auf unserem Planeten und sogar ihre Fortsetzung in die Verantwortung der Menschen gegeben ist? Tatsächlich ist die Frage einer globalen sozialen Verantwortung die wichtigste, die unter den Gläubigen und zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden diskutiert werden sollte. Die heutige Welt, in der das grenzenlose Kapitalwachstum zur ersten Ursache und zum letztem Zweck des Fortschritts erklärt wird, erfordert die Intensivierung des Dialoges zwischen und in den weltanschaulichen Gemeinschaften, die die Gesellschaft nach anderen Maßstäben als denen des neoliberalen Wirtschaftsdogma beurteilen.

Die meisten der in der Debatte um den Text in der "New York Times" veröffentlichten kritischen Beziträge bezogen sich nicht auf die schreienden Gegensätze der heutigen Welt, sondern beanspruchten Auorität namens eines Verweises auf "die Wissenschaft", womit immer unausgesprochen Naturwissenschaft und das in ihr derzeit herrschende Paradigma gemeint sind.

Die ist angesichts der Tatsache erstaunlich, dass immer mehr Menschen bewusst wird, wie sehr dieses angeblich unhintergehbare naturwissenschaftliche Paradigma mit seiner Blindheit für die eigenen Bedingtheiten und Folgen sowie die demselben Modell folgenden Sozialwissenschaften, etwa die neoklassischen Ökonomie, jene globalen Probleme mitverursachen, die sie angeblich lösen. Moderne Wissenschaft ist alles andere als eine unschuldige, von den herrschenden Interessen freie Erkenntnisproduktion. Derlei unkritische Wissenschafts/gläubigkeit /und maskuliner Machbarkeitswahn erweisen sich immer mehr als ein Opium der tatsächlichen oder vermeintlichen Globalisierungsgewinner.

Nicht das Verhältnis von biblischer Schöpfungsgeschichte und traditionellem Darwinismus ist daher das interessierende Thema. So wird die Debatte nur in stereotype Bahnen abgeleitet. Worum es gehen muss, ist jenen Lesarten des Darwinismus zu widersprechen, die ihn zum universellen Modell nicht allein der biologischen, sondern auch der gesellschaftlichen Entwicklung machen wollen, ist der die Gesellschaften zersetzende soziale Darwinismus.

Hier wäre eine noch energischere Stellungnahme der Kirchenführung durchaus wünschenswert. Wollen wir uns mit einer Welt abfinden, die am Rande der militärischen und ökologischen Selbstzerstörung balanciert, und in der durch Armut, Ausbeutung und Sexismus Millionen und Abermillionen Leben von Frauen und Männern abgewertet und zerstört werden? "Ist das der unvermeidliche Preis des Fortschritts?" - fragen die einen; "kann Gott die Welt so gewollt, so geplant haben?" - viele, die an ihn glauben.

Dem so entstehenden Dialog entziehen wollen wird sich nur jemand, dem es an Empathie oder an der Einsicht bezüglich des Dringendsten fehlt. Mag er sich dabei als ChristIn oder KommunistIn, als WissenschafterIn oder Laie betrachten, tut nichts zur Sache.

Angesichts der täglichen und globalen Ungerechtigkeit, in die wir objektiv involviert sind, scheint nicht in erster Linie von Belang, ob die Einen Krieg, Hunger, Ausbeutung, Sexismus und die ihnen zu Grunde liegenden weltwirtschaftlichen Strukturen und Machtverhältnisse "soziale Sünde" nennen und Andere nicht, sondern, wie wir gemeinsam an ihrer Überwindung arbeiten. Nicht, ob wir Verantwortung für die Welt/die Schöpfung übernehmen, kann heute mehr die Frage sein, sondern lediglich, auf welche Weise sich Gläubige und Nichtgläubige dieser Verantwortung stellen wollen.

(Erstveröffentlichung in der "Furche" vom 9. September 2005)