2005-08-14
Urlaub ist Knipsen
Vor dem Sommer wartete ich einmal vor Schönbrunn auf eine Schülergruppe. Ein Bus mit Japanerinnen und Japanern leerte sich, und sie taten tatsächlich, was dem Klischee entspricht: Sie stellten sich zentriert symmetrisch in Reih und Glied vor dem Schloss auf und ersuchten Umstehende, sie zu knipsen. Bei uns war das früher bei Klassenfotos üblich und hatte auch mit der alten Fototechnik mit schwarzem Tuch über dem Kopf und Ruhigstehen zu tun. Eine Gruppe nach der anderen aus dem Bus tat das Gleiche. Und dieses verbreitet sich über die ganze Welt. Vermutlich gibt es auch entsprechende Traditionen in der japanischen Bildkultur.
Ein amerikanischer Popkünstler hat vor Jahren eine Bildserie gemalt, Fotos darstellend, wo Autofahrer mit Wagen und Ortstafel abgebildet sind wie auf einem Foto. Er wollte das "japanische" Fotografierverhalten der Amerikaner verarschen. Bis zur massenhaften Verbreitung der Fotografie im letzten Jahrhundert hatte die Masse der Menschen kaum Bilder zu Hause, und schon gar nicht konnten sie selbst welche produzieren. Mit der eigenen Bildproduktion, die man ja als demokratische Möglichkeit sehen kann, geht aber das Fremdbild nicht zurück, man sehe sich nur die Zeitschriftenstände an, welche unübersehbare Menge an Heften mit hervorragenden Profifotos es gibt. In jedem Urlaubsort findet man eine Fülle hervorragender Ansichtskarten.
Einmal, am 23. Dezember, sah ich auf der Akropolis einen Japaner mit Staffelei im strömenden Regen unter einem Schirm eine Ansicht des Tempels malen, die auf jeder Postkarte zu sehen ist. Was ist der Sinn der eigenen Bildproduktion, die ja jetzt durch die Digi-Cams noch erleichtert wird mit der Bearbeitungsmöglichkeit am Computer? Die Medien sind zumindest in den Industriegesellschaften tendenziell demokratisiert, die Bilder im Kopf nicht. Sie folgen den herrschenden Mustern: Herrschaftsästhetik, Rassismus und Sexismus. Warum wählen so viele Menschen nicht eigene Blickwinkel und Motive aus? Weil die im Kopf herrschenden Bilder die Bilder der Herrschenden sind.
Horst Rumpf, ein Münchner Medienprofessor, setzt das Fotografieren den Raubzügen der Kolonialisten gleich � freilich als symbolische Aneignung. Fotografieren hat mit der Macht des Blicks zu tun, mit dem Anschauen des Anderen als Objekt und mit der symbolischen Verfügung. Dass häufig nach gängigen Klischees fotografiert wird, hat wohl damit zu tun, dass diese Motive anerkannte Raubgüter darstellen. Die modernen Bildräuber sind in gewisser Weise � es sind mehrheitlich die Männer � das Gegenstück zu den Bilderstürmern mit ihren Bildverboten. In großen Teilen der Welt fürchtet man sich, wenn einem jemand sein Bild abnimmt, als würde sie Seele dabei mitgerissen.
Jeder verspürt die Macht des Fotografen bei einer Geburtstagsrunde; die ganze Gesellschaft beginnt sich zu inszenieren. Wird nun der Fotoapparat in den Handys zum allgegenwärtigen Machtwerkzeug, zwingt dies zu noch mehr Theater im Umgang der Menschen miteinander. Zwar kann der Fotograf selbst seinen Voyeurismus ausleben und mit gezieltem Schuss Motive einfangen. Gleichzeitig wird aber vielleicht das Schauen durch das Dauerknipsen flüchtiger. Dabei böte die neue Technik und die Verbilligung des Fotografierens vielen die Möglichkeit des genauen, liebevollen Studiums ihrer Umwelt aus durchaus eigenem Blickwinkel.