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2005-12-05 Niedergang und Ende der Komintern
Ab Mitte der Zwanzigerjahre geriet die KI immer mehr unter die Kontrolle von Stalin (1). Wie ausgeführt, war schon der Aufbau der KI ein sehr zentralistischer. Diverse Autoren meinen z. B., dass spätestens mit dem Ausbleiben der Revolution(en) in Westeuropa auch eine Strukturneuregelung überlegt hätte werden müssen. Lenins sogenanntes Testament , indem er eine Spaltung der bolschewistischen Partei befürchtet und die Ablösung des Generalsekretärs, Stalin, forderte, wurde ignoriert. Ironie der Geschichte: Sinowjew und Kamenew, die 1936 von Stalin liquidiert wurden, stellten sich schützend vor Stalin und setzten durch, dass das Testament nur in den Delegationen des Parteitages - ohne Diskussion - verlesen wurde (2). Die KI unter der Fuchtel Stalins Die polnische Partei, die 1938 auf Betreiben von Stalin vom Präsidium des EKKI aufgelöst und deren Mitglieder danach liquidiert wurden, hatte es bereits 1924 gewagt, sich in die sogenannten inneren Angelegenheiten der KPdSU einzumischen. Daraufhin setzte Stalin die Abwahl der Führer der polnischen Partei durch (3). Doch Versuche von Protest und Widerstand gegen eine bestimmte Art "politischer Kultur" gab es immer wieder und selbst noch in den Dreißigerjahren. Meist wurde Kritik aber nur in der Partei bzw. den obersten Gremien formuliert. Nach der politischen Entmachtung der sogenannten "Rechtsabweichler" (Bucharin, Rykow, Tomski) im Jahre 1929 war Stalin jedoch die unbestrittene Nummer 1. Nun folgten Industrialisierung und Kollektivierung - Millionen von Menschen wurden umgesiedelt, Millionen mussten ihr Leben lassen. Nach einer kurzen Phase der Beruhigung folgten erneut Jahre des Terrors (4). Einige Autoren meinen, dass Sinn und Zweck dieser Massnahmen, die im Laufe der Zeit sich verselbständigt hätten, die Liquidierung jeder potentiellen innerparteilichen Opposition waren. Diese These ist insofern nicht striktweg von der Hand zu weisen, da auch die Repressalien gegen führende KommunistInnen und den Apparat der KI ungeheuerlich waren. Bela Kun, der Führer der Ungarischen Räterepublik, Franz Neumann und viele andere führende KommunistInnen wurden umgebracht. Franz Koritschoner, Mitbegründer der KPÖ, wurde nach dem Hitler-Stalin-Pakt der Gestapo ausgeliefert. Von den 1.966 Delegierten des XVII. Parteitags, jenem, auf dem Stalin als Ausdruck eines zaghaften Widerstandes einige Streichungen erhielt, die jedoch unterschlagen wurden, ließen 1.108 ihr Leben, von 139 Mitglieder und Kandidaten des ZK wurden 98 umgebracht (5). Selbst die Proteste der KI-Führung, die teilweise dokumentiert sind, hatten nur in seltenen Fällen positive Wirkung (6). Die Volksfront – der VII. KI-Kongress Bis in die jüngste Vergangenheit wurde z. B. in der KPÖ behauptet, dass der VII. KI-Kongress eine radikale Wende gewesen sei. Dies darf jedoch mehr als bezweifelt werden bzw. ist wahrscheinlich nur die halbe Wahrheit. Es ist wohl vielmehr so, dass sich der glückliche Umstand ergeben hat, dass die außenpolitischen Interessen der SU (genauer Stalins, der bestimmte, was die außenpolitischen Interessen seien) mit denen der KommunistInnen in Westeuropa, die sich gegen Faschismus und Krieg engagieren wollten, deckten (7). Ein mehr als düsteres Kapitel in der kommunistischen Geschichte ist die Volksfrontregierung in Spanien. Heldenhafter Kampf, Aufopferungswillen im Kampf gegen den Franco-Faschismus auf der einen, Kleinkarriertheit, Dogmatismus und Liquidierung jener, die die Führungsrolle der KP nicht akzeptieren wollten oder konnten, auf der anderen Seite, sind als Ganzes einer Medaille zu betrachten (8). Der Hitler-Stalin-Pakt Eine neuerliche taktische Wende Stalins (der sogenannte Hitler-Stalin Pakt 1939) führte sodann zu großer Konfusion in den kommunistischen Parteien und einige (Österreich dürfte hier eher die positive Ausnahme gewesen sein) reduzierten ihre praktische Arbeit gegen Null. Eine beliebte Erklärung von KommunistInnen zugunsten des Pakts war und ist: Stalin wusste um den Angriff; es war eine taktische Notwendigkeit, nachdem Interessensgruppen im Westen versuchten, Hitler auf die SU zu hetzen (9). Zurückgegriffen wird hierbei des öfteren auf eine kryptische Aussage von Stalin aus dem Jahre 1931. "Wir sind hinter den fortgeschrittenen Ländern um 50 bis 100 Jahre zurückgeblieben. Wir müssen diese Strecke in zehn Jahren durchlaufen. Entweder wir bringen das zustande, oder wir werden zermalmt" (10). Übersehen wird hierbei, dass Stalin aus der taktischen Not eine strategische Tugend machte. Die KI z. B. sah nach Abschluß des Pakts Frankreich und Großbritannien als die Hauptkriegstreiber an, die Vertilgung des nach Stalins Meinung faschistischen Polens würde nur bedeuten, dass es einen faschistischen Staat weniger gibt (11). Übersehen wird, dass Stalin wesentlichen Anteil an der Konfusion der Roten Armee zu Beginn des Krieges hatte, in dem er diese quasi enthauptete. Übersehen wird, dass Stalin von mehreren Seiten sogar über den Zeitpunkt der deutschen Invasion in Kenntnis gesetzt wurde (12), ohne darauf entsprechend reagiert zu haben. Detail am Rande: Es gibt Autoren, die meinen, dass Stalin vielleicht sogar bereit gewesen wäre, ein strategische Agreement mit Hitler zu treffen. Auszuschließen ist dies, auch wenn Dokumente noch fehlen bzw. wohl nie gefunden werden können, wohl nicht völlig. Immerhin war Stalin zu einem anderen Übereinkommen, das jedoch sicherlich nicht mit dem Hitler-Pakt zu vergleichen ist, dem Jalta-Pakt (bekannt als Aufteilung Europas in zwei große Interessenssphären) bereit. Das Ende der KI Die Zeit war für die KI abgelaufen - die Internationale wurde geopfert. Stalin verkaufte mit der Abmachung von Jalta aber auch die revolutionären Möglichkeiten und Hoffnungen in Griechenland, Italien und Frankreich. "Stalin hat sich sehr strikt an diese Vereinbarungen gehalten, (auch) während der dreißigjährigen Kämpfe (der Engländer) gegen die Kommunisten und ELAS in der Innenstadt von Athen, obgleich diese Aktion sehr unangenehm für ihn und seine Umgebung sein mußte...", (13) so Churchill im März 1945 in einem Brief an Roosevelt betreffs Interessenssphären. Doch die Rechnung wurde prompt präsentiert - der Kalte Krieg begann nicht erst mit Churchills Rede in Fulton. Der Eiserne Vorhang, den Churchill quer durch Europa niedergehen sah, war nur der Beginn. Menschenrechte und Demokratie waren nun die Kampfbegriffe - für jene, die in sogenannten Volksdemokratien lebten. Das Recht und die Pflicht des demokratischen Westens, die "Wilden" in (IHREN) Kolonien in Afrika und Asien zum Wohlstand zu führen, war natürlich davon nicht berührt.. Zur Intention des Textes Es gibt heute – wahrscheinlich mehr denn je – genug Gründe für eine strukturierte internationale Kooperation der Linken. (Vor-)Kenntnisse zur Geschichte der "Vorfahren" können dabei nicht schaden, auch wenn die KI keine "Kooperation" war, wie sie heute benötigt wird. Anmerkungen
(1) Fakt ist sicherlich, dass das Phänomen des Stalinismus nicht auf die Person Stalins reduziert werden kann und soll. Eine Analyse des komplexen Themas würde mich aber - zugegeben - überfordern. Verwiesen sei auf das Buch von Werner Hoffmann: "Was ist Stalinismus" aus dem Distel Verlag, Heilbronn 1984 und auf das leicht zu lesende Buch "Marxistische Stalinismus-Kritik" von Boffa/Martinet aus dem VSA-Verlag 1978. (2) Deutscher, Isaac: "Stalin" , Stuttgart 1962, 193 ff. (3) vgl. "Probleme des Friedens und Sozialismus", 1989, Nr. 8, 1141 ff. Gramsci, Vorsitzender der IKP, hat sich 1926 an das ZK der KPdSU(B) gewandt, um die Methoden des innerparteilichen Kampfes zu kritisieren. Ebenfalls bemerkenswert sind die Ausführungen des italienischen Vertreters, Tasca, bei der KI, der 1929 in einem Brief an das ZK der IKP schrieb: "Stalin ist ein Plagiator und kann nichts anderes sein (...) Stalin (ist) in Russland der Träger der Konterrevolution", siehe Institut für Geschichte der Arbeiterbewegung (Hg.): "Die Kommunisten und Stalin", Berlin 1990, S. 100. (4) Die Ermordung Kirows im November 1934, der Parteisekretär in Leningrad war, war Anlaß für eine neuerliche Repressionswelle. Höchstwahrscheinlich war Stalin jedoch selbst der Drahtzieher der Aktion. (5) vgl. Plimak, Jewgeni: "Anatomie der Willkür", Berlin, 1990, S. 197 (6) vgl. "Mut zur Ungesetzlichkeit" in Probleme des Friedens und des Sozialismus, 1989, Nr. 7, 998 ff. (7) Claudin, Fernando: "Die Krise der Kommunistischen Bewegung", Bd. 1, Westberlin, 1977, 204 ff. (8) Huhle, Rainer: "Die Geschichtsvollzieher, Theorie und Politik der Kommunistischen Partei Spaniens 1936 bis 1938", Giessen,, 1980, 83 ff. (9) vgl. Deutscher, 440 ff. Nicht einmal der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges hinderte bestimmte Kreise des US-Kapitals, weiter mit Nazi-Deutschland Geschäfte zu machen. Matthias schreibt, S. 132, dazu: "Denkt man daran, in welcher Weise die Standard Oil of New Jersey auch noch nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mit deutschen Kartellen zusammengearbeitet hat, und denkt man daran, in welcher Weise die Pariser Filiale von J. P. Morgan auch noch nach Pearl Harbor mit den Nazis kollaborierte, so kann man die Russen nicht tadeln", siehe auch Claudin, Fernando, "Die Krise der Kommunistischen Bewegung", Bd. 2, Westberlin, 1978. (10) vgl. KPÖ (Hg.) "KPÖ – Beiträge zu ihrer Geschichte und Politik", Wien, 1987, S. 242. (11) siehe "Die Komintern und Stalin", Berlin 1990. (12) vgl. Deutscher, S. 480 sowie Fortschrittliche Wissenschaft 1989 (4) - (Hg. Josef Ehmer u. a.): "Perestroika: Geschichte in Diskussion", Wien, 1989. (13) Matthias I. I.: "Die Kehrseite der USA", Hamburg, 1964 - zweite Auflage, S. 105. Vgl. auch Claudin, Bd. 2, S. 86 ff. |