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Melina Klaus

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2005-03-17

Kommentar wider die Kontinuität

Dieser Tage meldete sich Frauenministerin Rauch-Kallat im Rahmen einer Diskussion zu Einstiegslöhnen und dem Berufseinstieg von Frauen und Mädchen zu Wort: "Das kann doch nicht sein, dass Mädchen aus 280 Lehrberufen seit 30 Jahren nur 3 wählen! Wir müssen die Mädchen ermutigen, in technische Berufe zu gehen, wir müssen sie ermutigen, mehr Berufe zu wählen. Und die Ministerin Gehrer tut da sehr viel. (�)"

Kann es denn sein, dass sie schlecht gebrieft wurde oder sie schamlos darstellt, wie es ihr am besten passt? 280 Lehrberufe können sich lediglich in einer leblosen Liste finden, hinterlegt irgendwo in den Räumen der Wirtschaftskammer. In der Bundeshauptstadt jedenfalls wurden 2003/2004 14.775 Jugendliche, davon 5.737 Frauen (38,8%), in 190 Lehrberufen ausgebildet, wovon allerdings 97 Lehrberufe weniger als 20 Lehrlinge umfassen. Darüber hinaus verzeichnen 33 eingetragene Lehrberufe null Lehrlinge. (Quelle: ebenfalls wkö, allerdings aktuelle 'Lehrlingsstatistik') So scheint wohl die konkrete Berufswahl immer auch an einem konkreten Ausbildungsangebot zu messen zu sein.

Kann es sein, dass sie über die geschlechtliche Segregation aller anderen Ausbildungs- und Bildungssegmente (Berufsbildende Schulen, Universitäten) nicht so gerne spricht? Sie wendet sich stattdessen dem niedergehenden dualen Ausbildungssystem zu. Auf dem Rücken der Mädchen im Allgemeinen und jenen im Besonderen, die Angebote und Nahelegungen, ja Wünsche annehmen, Frisörin, Einzelhandelskauffrau oder Bürokauffrau werden zu wollen, lässt sich leicht 'rumproblematisieren' ohne, wie auch MinisterInnen vor ihr, in die Tiefe gehen zu müssen. Sonst könnte es sein, dass sie sich die Vokabel 'Geschlechterverhältnisse' aneignen oder zum segmentierten Arbeitsmarkt insgesamt Stellung beziehen müsste.

Es kann so sein, dass Ministerin Gehrer, wiederum so wie auch andere vor ihr, viel tut, doch - belehrt vom Augenschein - es tut sich nichts. Kann es sein, dass sie sich nicht die Frage stellt, warum? Es ist so, dass 1970 der Anteil weiblicher Lehrlinge in Österreich unter den Einzelhandelskaufleuten 73,3%, 1990 78,7% und schließlich 2001 73,0%. betrug. Dazwischen liegen 31 Jahre. 31 Jahre, die Bildungsoffensiven, Regierungswechsel, pädagogische Paradigmenwechsel und eine Vielzahl von Studien, Maßnahmen, Initiativen und politischen Kampagnen zum Themenbereich Berufswahl oder geschlechtsspezifisch segmentiertem Arbeitsmarkt erlebten.

Offensichtlich kann es sogar auch so sein, dass selbst das 'staatliche' sog. Auffangnetz für Jugendliche die Problemlage (der geschlechtlichen Segregation der u. a. Lehrberufe) perpetuiert bis übertrifft. (Die hier zuständigen Minister tun auch etwas. Sie kreieren lieber Auffangnetze anstelle Alternativen.)

Es ist vielmehr so, dass Mädchen, entgegen der Betonung auf "wählen", nach wie vor, wie vor 50, 40, 30 Jahren, nicht alle Berufe offen stehen! Die Erklärungs- und Lösungsmodelle dazu allerdings müssten weniger einfach strukturiert sein.

Dem entgegen reiht sie sich ein in die Kontinuität der Vereinfachung, der Ablenkung, des verkürzten Blicks, der in diesem Fall auch noch multifunktional ist. Sowieso ist er praktisch, und darüber hinaus entwirft er ein Bild, dem nach eine Problemgruppe sich selbst im Weg steht, oder auch zu wenig einsichtig ist. Im Falle der Mädchen oder Frauen im Allgemeinen soll es allerdings nicht Borniertheit sein. Nein, das erklärt sich am stringentesten mit Zögerlichkeit, Ängstlichkeit, Bescheidenheit u. Ä., und zugleich können auch noch die "3 Berufe" diskreditiert werden. Denn Frau Ministerin "muss", will "ermutigen", und zwar die Mädchen. Demnach sind sich die Mädchen selbst ihr größtes Problem.

Aber es kann doch nicht sein, dass alle anderen nicht ermutigt werden! Sind die Mädchen zwar die wichtigsten Subjekte in diesem Prozess, so sind sie bei weitem nicht die einzigen AkteurInnen. Wer ermutigt die Personalverantwortlichen, die Lehrherren, die Eltern, die LehrerInnen, die BerufsberaterInnen, ..., die PolitikerInnen?

Und es könnte doch auch einmal so sein, dass wir (uns) sowohl Handlungsmöglichkeiten, somit Wahlmöglichkeiten erweitern, als auch Arbeit neu verteilen und bewerten. Es kann nämlich auch sein, dass wir und "die Mädchen" nicht nur andere Bildung, Ausbildung, mehr Berufe wählen müssen, sondern auch, dass wir die reale und imaginäre Abwertung "der drei" und ähnlicher Berufe/Tätigkeiten in Frage stellen müssen.