2005-04-29
Anatomie des Faschismus
Paxtons herausragendes Buch überrascht durch seine prozesshafte Methode. Statt eine - im Hegelschen und Marxschen Sinne - "abstrakte" Formel für den Faschismus zu geben, wird zu Beginn an dessen konkret-historische Funktion erinnert: Schaffen einer "Diktatur gegen die Linke inmitten von popular enthusiasm".
Ein weiter methodischer Baustein ist für Paxton wichtig: fokussieren "mehr auf die Taten der Faschisten als auf ihre Worte, konträr zur üblichen Praxis".
Genesis und Entwicklung des Faschismus werden als "Zyklus von fünf Stufen" studiert: "(1) Das Schaffen der Bewegungen; (2) deren Verankerung im politischen System; (3) deren Machtergreifung; (4) die Ausübung der Macht; (5) und, schließlich, in langer Dauer, in der das faschistische Regime entweder Radikalisierung oder Entropie wählt. Obwohl jede Stufe eine Voraussetzung für die nächste darstellt, ist es nicht erforderlich, dass eine faschistische Bewegung alle Stufen vollendet oder sich auch nur in eine Richtung bewegt".
Der Erste Weltkrieg war die "entscheidenste unmittelbare Voraussetzung für den Faschismus". Nach Kriegsende und seinen sozialen und politischen Verwerfungen wurde die Bevölkerung, die öffentliche Lösungen der ökonomischen Probleme erwartete, "in Ungewissheit gestürzt".
Bereits die faschistischen "Urprogramme", die die Krisenlage reflektierten, waren in ihrem "Antikapitalismus sehr selektiv" (S. 56). Um andie Macht zu kommen, trafen Mussolini und Hitler erst recht "pragmatische Entscheidungen" (ebd.) - gegen die faschistischen "Puristen".
Entgegen allen Mythenbildungen kamen Mussolini und Hitler nicht via Coup d'Etat, sondern durch Zusammenarbeit mit (Teilen von) konservativen Eliten an die Macht (S. 96 ff.). Es kam zu einem "Herrschaftskompromiss". Paxton durchaus differenziert: "Das Nazi- Regime und die Wirtschaft hatten konvergierende, aber nicht identische Interessen " (S. 145).
Die Machtergreifung von Mussolini und Hitler war keinesfalls "unvermeidlich". Die Politik liberaler und konservativer Eliten bzw. das Versagen der ArbeiterInnenbewegung machte sie möglich. Paxton bewusst provokant: "Das genaue Studium, wie faschistische Führer Regierungschefs werden, ist ein Lehrstück für Antideterminismus".
Im Schlußkapitel wird die Frage diskutiert, ob ein "updated" Faschismus heute möglich sei (S. 172 ff). Paxton bejaht diese Möglichkeit, verweist jedoch auf wesentliche Unterschiede zur Zwischenkriegszeit: u. a. das andere ökonomische Ambiente im Gegensatz zur großen Depression oder den weitgehenden Verzicht der aktuellen extremen Rechten auf den "Primat der Politik" also das Setzen auf den "freien Markt".
Robert O. Paxton: The Anatomy of Fascism. New York: Alfred A. Knopf, Publisher 2004. 321 S.