2005-12-11
Proletarische Selbstkritik
Mit meinem letzten Beitrag möchte ich mich von den LeserInnen dieser Webpage verabschieden.
Das folgende Gedicht stammt von Willi Karsch und wurde im Jahr 1920 geschrieben.
Ich hoffe, dass es einige von euch zum Schmunzeln bringt, denn leider haben wir in diesem Land und in dieser Welt Humor bitter nötig.
Proletarische Selbstkritik
Vier Treppen links im Hinterhause
als Oberhaupt und Haustyrann
herrscht der Familienvater Krause
und sieht sch seine Bude an:
een Haufen Nipps - der Schönheit wejen -
zwee Engel überm Ehebett
mit joldjesticktem Morgensejen
und eene Venus im Klosett. Und neben Militärandenken
mit schönem, schwarzweißrotem Band
und Hochzeits- und Vereinsjeschenken
hängt einsam Lenin an der Wand.
Bloß wenn er an der Theke steht,
ist Krause Sozialist:
Da schwitzt er Klassenkämpfertum
und schimpft uff Bürgermist.
Sonst frisst er sich ne Plauze ran,
ist fromm und gottergeben...
Dochs kommt nicht
auf die Schnauze an,
ihr müsst auch danach leben!
(...)
Kollege Schulz hat andre Sorjen,
sein Mädel kriegt jetzt eenen Mann.
Der ist Beamter und rückt morjen
mit seinem Heiratsantrag an.
Die Jrete quatscht von Kirchentrauung
vom Schleier und vom Traurigsein
und tritt von wejen die Erbauung
rasch wieder in die Kirche ein.
Und nach dem großen Hochzeitsmahle
ist Schulze blau wie so ne Sau;
er grölt die Internationale -
Und dann versohlt er seine Frau.
Genossen Schulze, Lehmann, Krause,
die könnt ihr überall mal sehn.
Die wohnen auch bei euch zu Hause,
da braucht ihr nicht so weit zu gehn.
(...)