2005-06-19
Familiengeheimnisse
Natürlich nicht. Eine verschwindende Minderheit, auch linker, keiner damals verfolgten Gruppe angehörenden ÖsterreicherInnen hat, zum Beispiel, im DÖW nachgeforscht, den eigenen Namen in einschlägigen Archiven gesucht, die Erzählungen oder das Schweigen der Mütter, Väter, Grosseltern an den historischen Fakten gemessen. Man tut das nicht, denkt nicht einmal daran. Es wäre Verrat. Woran?
Kampls Vater war ein mieser kleiner Denunziant. Davon gab es unzählige, sicher mehr als Parteimitglieder. Eine mindestens ebenfalls grosse, wahrscheinlich grössere Anzahl von ÖsterreicherInnen hat an der Vernichtung der europäischen Juden unmittelbar profitiert, und zwar nicht nur in Form von Arisierungen im grösseren Maßstab, in Form von Raub von Wertgegenständen, in Form von Wohnungs"übernahmen", sondern der gesamte Hausrat der Vertriebenen, Deportierten, Ermordeten wurde billig unters Volk geworfen. Da hängen nicht nur Bilder in den Häusern der besser Gestellten, deren Provenienz nicht mit dem übereinstimmt, was in den Familien kolportiert wird, da geht es um Kommoden und Milchkanderln. Erbstücke der besonderen Art.
Familiengeheimnisse sind Aufträge, die umso stärker binden, als sie unausgesprochen bleiben und damit im Ungewussten. Das stärkste Tabu: dass das Vertuschte unter keinen Umständen aufgedeckt werden darf. Wer aufklären will oder Rechenschaft verlangt, ist ein Feind, ein gefährlicher Widersacher, ein zu hassender Eindringling. Dass solche Geheimnisse in Österreich in hunderttausenden von Familien weiterwirken, und zwar Generation nach Generation, ist wesentlicher Bestandteil der herrschenden politischen Unkultur.