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Michael Graber

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2005-03-21

Was bedeutete "Befreiung"?

"Österreich ist frei", rief der damalige Außenminister Figl im Belvedere nach Unterzeichnung des Staatsvertrags im Hinblick auf den bevorstehenden Abzug der Besatzungssoldaten. Ein Ruf, den die Regierung in den nächsten Wochen durch Österreich tragen will. Im kollektiven Gedächtnis der heutigen Generationen soll das Jahr 1945 hinter die Erinnerung an das Jahres 1955 zurücktreten.

Befreiung bedeutete damals aber noch etwas anderes. Vor mir liegt das Protokoll der "Sitzung zur Konstituierung eines provisorischen Gemeinderats aufgenommen im Sitzungssaal des Rathauses Ternitz am Dienstag, den 3. April 1945 um 14 Uhr".

Anwesend sind 19 Leute, die namentlich angeführt werden. Zu der Zeit stand der Kampf um Wien noch bevor, die Nazi regierten noch weite Teile des Landes und gaben ihre Durchhalteparolen aus.

Es gab noch keine provisorische Regierung, ja keinerlei Ansatz einer österreichischen Verwaltung oder öffentliche Autorität. Aber 19 Menschen, Kommunisten und einige Parteilose, traten am 3. April zusammen und konstituierten den wahrscheinlich ersten Gemeinderat auf befreiten Territorium.

Der Sprecher der Ternitzer KommunistInnen Josef Suppinger berichtet laut Protokoll, daß "die Nazi am Sonntag den 1. April 1945 um ca. 8 Uhr früh unseren Ort ... verlassen haben und damit ihre Macht aufgehört hat zu existieren. Am Montag den 2. April mittags zog die Rote Armee in unser Gebiet ein und gab uns somit die Freiheit, welche wir so lange entbehren mußten, wieder zurück.

Die KPÖ, welche 13 Jahre verboten war, aber trotz allem Terror und Opfern, die sie gebracht hat, nie ihre Existenzberechtigung aufgegeben hat, im Gegenteil in der Illegalität auf einen Stock von ca. 120 Genossen sich stützen konnte, ... tritt heute vor die Öffentlichkeit ...

Nachdem zur Zeit von einer anderen Partei als der KPÖ in Ternitz keine Spur ist, so haben wir einige der tüchtigsten Genossen zusammengerufen um einen provisorischen Gemeinderat zu bestellen. Wir haben darüber hinaus einige Vertreter der Bauernschaft eingeladen, um so eine gute Zusammenarbeit zu gewährleisten".

Zunächst gedachte man der "Helden der Arbeiterschaft und ungenannten Kämpfer für die Freiheit Österreichs und der vom Hitlerfaschismus gefolterten Arbeiterbewegung ... insbesondere der noch in Kerkern und KZ schmachtenden Söhnen der Ternitzer Gemeinde", wählte einen Bürgermeister, seine Stellvertreter und die Gemeinderäte und widmete sich sofort den dringensten Aufgaben des Lebens und des Wiederaufbaus.

"Nach sieben Jahren Naziherrschaft, davon fast sechs Jahren Krieg, stehen wir vor dem Nichts, denn die Nazi, die 1938 volle Magazine und volle Kassen übernommen haben, hinterlassen uns nichts, nichts als gähnende Lehre. Das ist das Erbe, das wir zu übernehmen haben".

Es wird ein Komitee für Verpflegungsfragen und ein Wirtschaftsrat gebildet, die Verhinderung der derzeit vorkommenden Ausschreitungen sei aber nicht ganz möglich, denn das Wichtigste sei derzeit die Verpflegung für Frauen und Kinder. Bestellt werden die Leiter der Gemeindeadministration und der Schule, das Kino wird wieder den Ternitzer Arbeitern übergeben, die mit ihrer Anwesenheit verhinderten, daß die Nazi das Stahlwerk sprengten.

Dafür dankte die Gemeinde und es wurde ein Aufruf an die Bevölkerung erlassen.

Die Sitzung wurde nach drei Stunden geschlossen. Die Ternitzer hatten als erste unter Führung der Kommunisten Freiheit und Wiederaufbau in die Hand genommen.

Zweites Beispiel:

Die Knittelfelder KommunistInnen, die vor wenigen Tagen ihre Gemeinderatsmandate von eins auf drei gesteigert haben, verteilten eine Broschüre "Widerstand und Befreiung in Knittelfeld" in einer Auflage von 4000 Stück an die Bevölkerung. Darin wird an die Tage der Befreiung 1945 erinnert.

"Am 8. Mai um 9 Uhr früh besetzte die Widerstandsgruppe (die seit 1944 existierte) unter der militärischen Leitung der beiden britischen Offiziere ... Knittelfeld. Sie entwaffnete die Wehrmachtsstreife der deutschen Armee, ... Auch das Post- und Telegrafenamt wurde besetzt.

Im Bezirksgericht in der Marktgasse, wo nach der Bombardierung vom Februar 1945 die Stadtverwaltung untergebracht war, wurde eine neue österreichische Verwaltung eingerichtet. Ein 'Österreichisches Freiheitskomitee' konstituierte sich. Es übernahm die Verantwortung für die Versorgung der Bevölkerung mit lebenswichtigen Gütern und übernahm die Macht in der Stadt."

Ca. 150 bewaffnete Arbeiter, Angestellte und Soldaten standen zum Schutz bereit, denn deutsche Truppen und Einheiten der sogennanten Wlassowarmee verunsicherten nach wie vor die Region. Sicherheit war aber endgültig erst gegeben, als das Freiheitskomitee gegen den Widerstand der britischen Offiziere die Rote Armee um Hilfe baten.

Die Broschüre erinnert an die 77 Pfleglinge des damaligen Fürsorgeheims in Knittelfeld, die im Schloß Hartheim ermordet wurden, an die 30 KnittelfelderInnen, die aus politischen Gründen hingerichtet wurden oder in Lagern umkamen, an die 13 KnittelfelderInnen jüdischen Glaubens, die deportiert und ermordet wurden, an 20 KnittelfelderInnen jüdischen Glaubens, die vertrieben wurden und an die Opfer des Freiheitskomitees, die noch nach Kriegsende umkamen.

386 Knittelfelder kehrten nicht aus dem verbrecherischen Krieg zurück. 176 wurden Opfer von Luftangriffen.